Durch Vorlesen und Schmusen Lernmotivation bei Kindern fördern
Am Dienstagabend der vergangenen Woche kamen weit über 100 Eltern in die Mensa der Kreisschule Büren, um nachdenklich und selbstkritisch einem Vortrag zum Thema Lernmotivation zu lauschen.

Auf der Einladung der Schulleitung aller Kindergärten und Primarschulen vom Dorneckberg hatte das Thema noch sehr akademisch geklungen: «Eltern gestalten die Familie als Lernort». Beim 90-minütigen Vortrag selbst ging es dann aber realitätsnah zu. «Wir wollen Eltern aufzeigen, wie sie durch gewöhnliche gemeinsame Aktivitäten mit ihren Kindern im Alltag die Basis für Lernmotivation legen», hatte die Referentin Maya Mulle bereits im Vorfeld angekündigt. Mulle ist seit fünf Jahren Geschäftsführerin des Vereins Elternbildung Schweiz mit Sitz in Zürich. Dort leitet die Mutter zweier erwachsener Kinder die Fachstelle Elternmitwirkung und muss bisweilen auch unbequeme wissenschaftliche Erkenntnisse aussprechen. «Heute glauben viele Eltern, ihre Kinder über etliche Hobbys und andere Beschäftigungsformen zum Lernen hinführen zu müssen», sagt sie. Dieser Glaube sei falsch. «Wenn Kinder mit normalen Ritualen wie gemeinsamen Mahlzeiten oder Spielen aufwachsen, unterstützt das die Lernmotivation von alleine.»
Familie als gesundes Lernfeld
Wichtiger als möglichst viele externe Anreize sei «eine gute emotionale Beziehung, wie sie beispielsweise durch regelmässiges Vorlesen oder Schmusen» aufgebaut werde. Vor allem aber brauchen Kinder «Freiräume und Zeit, um selbst Ideen zu entwickeln». Denn erst aus Langeweile entstünden Ideen.
Derlei Sätze passen zu den Erfahrungen der Schulleiterin Jacqueline Wirz-Nebel, die ebenfalls zweifache Mutter ist. Sie kritisiert, dass «die Familien heute oft verplant» seien, obwohl «die Familie der zentrale Lernort ist und bleibt». Nicht die Schule, sondern nur die Familie könne «Kindern ein gesundes Lernfeld mit Entspannung und Nichtstun» verschaffen. Lernmotivation entstehe nicht vorrangig in der Schule, sondern daheim, «wenn sich ein Kind beachtet und geliebt fühlt, wenn es neugierig sein darf und Bestätigung in seinem Handeln erfährt». Mögen viele Eltern dies intuitiv wissen – so manchen Besucher der Veranstaltung dürfte es dann doch überrascht haben, dass neben dem, was die Schüler und Schülerinnen an Interesse, Begabungen und Lernmotivation mitbringen, die Schule nach Angaben der Fachfrau Mulle «bei Primarschulkindern höchstens zu etwa 30 Prozent einen Einfluss auf die Entwicklung haben kann».
Die restlichen 70 Prozent seien «Sache des Elternhauses». Dass es dort nicht immer optimal zugehen kann, ist auch der Referentin bewusst. «Kinder wachsen heute in verschiedenen Familienformen auf», sagt sie am Rande der Veranstaltung. Ihr gehe es nicht darum, «Lebensentwürfe zu bewerten oder Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen». Sie wolle vermitteln, wie Väter und Mütter «in ihrem jeweiligen jetzigen Umfeld das Optimale bieten können».


