Chancengleichheit mit Angststörungen
Delia Speiser startete im Rahmen ihrer Matura-Arbeit eine Petition für mehr Chancengleichheit bei Angststörungen. Im Gespräch erzählt die Dornacherin, worum es ihr bei diesem Anliegen geht und wie es zu ihrem Engagement kam.

Wer in der Schweiz nachweislich unter einer physischen oder kognitiven Beeinträchtigung leidet, hat die Möglichkeit, einen Nachteilsausgleich zu beantragen. Ziel dieses Ausgleichs ist es, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass behinderungsbedingte Nachteile ausgeglichen werden. Die Qualifikationen, wie das vorausgesetzte Wissen und Können, werden dabei nicht angepasst. Das Verfahren dient der Inklusion und soll es Menschen mit Behinderung ermöglichen, einen öffentlichen Bildungsweg zu absolvieren.
Nachteilsausgleich bei ADHS und Autismus
Delia Speiser kritisiert, dass es bei Angststörungen trotz medizinischer Diagnose derzeit nicht möglich ist, einen Nachteilsausgleich zu beantragen, obwohl dies bei einem diagnostizierten ADHS oder bei Autismus bereits gewährleistet wird: «Die drei Krankheiten bringen im Schulalltag gemeinsame Hürden mit sich, und während sie bei Autismus und ADHS bereits offiziell als Benachteiligungen anerkannt werden, ist dies bei Angststörungen derzeit noch nicht der Fall.»
Das will die angehende Psychologiestudentin nun ändern. In ihrer Matura-Arbeit beschäftigte sie sich eingehend mit der Thematik der Angststörungen und verfasste darauf basierend eine Petition, die sie im Herbst mit mindestens 500 Unterschriften dem Kanton Basel-Stadt vorlegen will. Das Interesse an der Thematik sei aufgrund persönlicher Kontakte mit Betroffenen und Speisers generellem Engagement für andere Menschen aufgekommen. So beteiligte sich die engagierte Judo-Sportlerin auch im Vorstand des Schülerforums, wo sie sich für die Interessen der Studierenden einsetzte.
Obwohl vielseitige Bemühungen um Inklusion bereits in Gange sind, bemerkt die Matura-Absolventin: «Die Vorurteile sind teilweise noch immer gross. Und das verstehe ich zum Teil sogar, weil die Krankheit in der Gesellschaft zu wenig sichtbar ist.»
Oft habe sie in ihren Gesprächen rund um die Erkrankung gehört, dass Angst normal sei: «Angst hätten wir alle, war eine sehr häufige Aussage, auf die ich in meinen Gesprächen rund um die Matura-Arbeit stiess. Dabei verkennen die Menschen oft, dass eine Angststörung weit über das normale Angstempfinden hinausreicht und ein enormer Leidensdruck für Betroffene damit verbunden ist.»
Auch dass Studierende, die an einer Angststörung erkrankt seien, im Gymnasium schlicht am falschen Ort seien, sei ihr erwidert worden. Das verstehe sie überhaupt nicht, lasse sich nach dem Studium schliesslich gut ein Weg einschlagen, der mit der Erkrankung vereinbar sei.
Und wo hören wir dann auf?
Für andere Einwände hat Speiser mehr Verständnis. So zum Beispiel für die Frage danach, wo die Grenze gezogen werden soll, ab wann für jemanden eine Sondereinrichtung sinnvoll ist. «Das ist natürlich eine schwierige Frage, aber grob gesagt würde ich festhalten, dass überall dort, wo bereits mit sehr kleinen Anpassungen viel erreicht werden kann, auf jeden Fall die Möglichkeiten ausgeschöpft werden sollten.» Die Vorteile sieht Speiser dabei nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für das Umfeld. «Ich denke, alle profitieren von den Massnahmen. Und es braucht wirklich häufig nicht sehr viel, um den Betroffenen den Alltag zu erleichtern. Bereits die freie Sitzplatzwahl und die damit verbundene Möglichkeit, nah am Ausgang zu sitzen, könnte beispielsweise für Betroffene von Agoraphobie enorm helfen.»
Weitere Lösungsvorschläge der Petition sind eine Abschaffung oder Anpassung der Mitmachnote, die Verlängerung der Prüfungszeit oder die Möglichkeit, Tests in einem separaten Raum zu schreiben. Trotzdem hat die 19‑Jährige auch die Gesundheit der Lehrpersonen im Blick: «Selbstverständlich können wir aber auch nicht so weit gehen, dass die Lehrpersonen unter den vielen individuellen Anpassungen leiden und aus Überforderung ein Burn‑out entwickeln.»
Es gehe deshalb darum, einen gesunden Mittelweg zu finden, der die Inklusion von Erkrankten ebenso berücksichtige wie das Wohlbefinden der Lehrpersonen. Im Kern gehe es ihr nämlich vor allem um eines: den Menschen und ein gerechtes Miteinander.
Wer Delia Speisers Petition unterstützen will, findet diese auf ihrer Jimdo-Website verlinkt: https://angststoerungen-1.jimdosite.com/


