Blasphemie oder heilsame Provokation?

2011 geriet das Schwarzbubenland wegen Vandalismus an Wegkreuzen in die Presse. Schlagzeilen machte eine nackte Frau, die ein Unbekannter auf ein beschädigtes Kreuz in Nuglar gesprayt hatte. Das Bild dieser Frau ist nun in dem Buch «Kirche und Kunst» wieder aufgetaucht.

Vor Ort: Ex-Kirchenpräsident Adolf Morand neben dem Wegkreuz am sogenannten Muni-Feld auf halbem Weg zwischen Nuglar und Gempen. Foto: zVg/TVZ Theologischer Verlag Zürich/Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Vor Ort: Ex-Kirchenpräsident Adolf Morand neben dem Wegkreuz am sogenannten Muni-Feld auf halbem Weg zwischen Nuglar und Gempen. Foto: zVg/TVZ Theologischer Verlag Zürich/Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Vom Wegkreuz verschwunden und im Buch viele Jahre später wieder aufgetaucht: Morands Foto von dem Graffito von 2011. Foto: Adolf Morand

Vom Wegkreuz verschwunden und im Buch viele Jahre später wieder aufgetaucht: Morands Foto von dem Graffito von 2011. Foto: Adolf Morand

Im Februar letzten Jahres erreichte Adolf Morand, ehemals Präsident der römisch-katholischen Kirchgemeinde von Nuglar-St. Pantaleon, eine ungewöhnliche Anfrage per Mail. Markus Zimmer, promovierter Kirchenhistoriker und Lektor beim Theologischen Verlag Zürich, war auf der Suche nach einem Bild für eine populärwissenschaftliche Publikation. Es ging um das Buch «Kunst und Kirche» von Josef Imbach, einem Theologen und Franziskaner, der sich mit der Frage beschäftigte, was Bilder vermitteln – und woran sie Kritik üben.

Ein Bild, das aus Sicht von Autor und Verlag unbedingt ins Buch gehörte, war das Foto von einer nackten Frau, die ein Unbekannter vor 15 Jahren auf ein beschädigtes Wegkreuz in Nuglar gesprayt hatte. Und zwar so kunstvoll, dass Ex-Kirchenpräsident Morand das Ganze fotografisch festgehalten hatte. Morands Foto ging durch die Presse und war damals auch Thema im Wochenblatt.

Jahre später bat nun Verlagslektor Zimmer darum, das Foto im Buch «Kunst und Kirche» nachdrucken zu dürfen. Morand stimmte zu und hat bis heute grosse Freude daran. Denn nur wenige Wochen, nachdem das 230 Seiten starke Buch erschienen war, erhielt er ein Exemplar per Post. Und da war sie wieder zu sehen – die schöne nackte Frau am Wegkreuz, als Abbildung Nummer 85 auf Seite 165 direkt neben dem Foto von einem grün lackierten Frosch, den der deutsche Künstler Martin Kippenberger zum Entsetzen vieler gläubiger Christen auf ein Holzkreuz genagelt hatte; ähnlich provokant wie die Dame im Evakostüm, die 2011 etliche Gemüter im Schwarzbubenland erregte.

«Ein Werk von grosser Qualität»

Für Morand ist ihr Anblick nach wie vor faszinierend, «auch wenn es selbstverständlich richtig war, das Graffito zu entfernen und möglichst schnell durch einen neuen Jesus-Korpus zu ersetzen». Dadurch sei aber auch ein Kunstwerk verloren gegangen, das durchaus sehenswert war: «Dieses Graffito war mit den üblichen Akten von Vandalismus nicht zu vergleichen. Es war ein Werk von grosser Qualität und sehr speziell.» Daher sei er nicht überrascht, dass sich der Verlag um das Recht zum Abdruck des Fotos bemüht habe. Zumal der Autor im Buch genau die richtige Frage stelle: «Imbach fragt, ob das, was in Nuglar geschah, der Blasphemie zuzuordnen sei, oder ob es sich um eine heilsame Provokation gehandelt habe.»

Morand findet, dass man diese Frage zu Recht diskutieren könne, «obwohl die meisten ‹Dörfler› in dem Graffito damals selbstverständlich eine Gotteslästerung sahen». Man könne darin aber auch mehr sehen als eine reine Kruzifix-Schändung – und so sei es bei vielen Objekten, die in dem Buch abgebildet sind. «Deshalb war dieses Buch, das ich sehr gelungen finde, auch notwendig.» Verlagslektor und Kirchenhistoriker Zimmer kann ihm darin nur zustimmen und verweist auf weitere wichtige Aspekte wie die Frage von Deutungshoheit und Ethik: «Moraltheologisch betrachtet liegt die Deutungshoheit bei der Kirche, weil das Kreuz mit dem Christentum konnotiert ist. Die Frage der Ethik und ob durch die vermeintlich despektierliche Schmiererei ethische Grenzen des Einzelnen überschritten wurden, geht indes darüber hinaus.»

Klar sei aber auch: «Das Graffito musste weg und ein Ersatz-Christus her, weil dieses Wegkreuz eine historische Funktion hat und früher ein Orientierungsobjekt war.» Zudem sei es ein öffentliches Artefakt, mit dem sich viele Dorfbewohnende schlagartig positiv identifiziert hätten: «Vorher hatten sie das Wegkreuz vielleicht nur unbewusst im Vorbeigehen oder Vorbeifahren wahrgenommen. Nun vereinte sie die Frage, was denn da bloss mit ihrem Kreuz passiert ist.» Indem Morand dieses Ereignis fotografisch festgehalten habe und sein Foto durch die Medien gegangen sei, sei aus dem Akt des Vandalismus ein geschichtliches Ereignis geworden. «Durch die Abbildung des Fotos in Imbachs Buch ist dieses Ereignis jetzt doppelt dokumentiert.»

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