Gipfelstress im Neuen Theater
Die neue Produktion am Neuen Theater, «Monte Rosa», erzählt vom Konkurrenzkampf dreier Bergsteiger. Die Premiere steigt kommenden Donnerstag.
Es treffen sich zwei Männer am Berg. Ein dritter kommt dazu. Sofort geht es um Leistungsstärke oder Erfolgs- und Ausdauervergleich. Ob Alpinist oder Manager: Der Zeitgeist erfordert Einzelkampf und Konkurrenzdenken. In der neuen Hausproduktion des Neuen Theaters mit dem Titel «Monte Rosa» wird diese Mentalität satirisch und bissig ausgeleuchtet. «Ich habe schon beim ersten Lesen des Stücks gewusst: Das will ich machen», sagt Regisseurin Florentine Krafft. Das neue Stück, welches am kommenden Donnerstag seine Premiere feiert, ist nach «Judith Shakespeare – Rape and Revenge» ihre zweite Regiearbeit in Dornach. Als Schauspielerin stand Krafft bereits in «This is a Robbery!» und «Der Fluch des Don Quijote» auf der hiesigen Bühne. Für das Bühnenspiel zeichnen Pascal Goffin, Jonas Gygax und Jürgen Herold verantwortlich, die beiden Letzteren spielen regelmässig am Neuen Theater.
Sich selbst erkennen
Die in Wien lebende Dramatikerin Teresa Dopler hat das Stück «Monte Rosa» geschrieben, 2021 wurde es uraufgeführt, und in der Schweiz war es das erste Mal in Luzern zu sehen. Die Geschichte wird gemeinhin als Parabel auf die Leistungsgesellschaft gedeutet. «Die Figuren wirken in ihrem Leistungskonstrukt wie gezähmt und programmiert. Sie sind unfassbar fies zueinander. Gleichzeitig lacht das Publikum über sie, erkennt sich in ihnen wieder und hat sie irgendwie gern», so die Regisseurin. Als Theaterschaffende ist auch sie mit den Auswirkungen der Leistungsgesellschaft konfrontiert: «Es gibt die Angst, aussortiert und entwertet zu werden, wenn einmal längere Zeit keine Anfragen kommen. Auch Krankheit und Alter sind oft schambelastet.»
«Monte Rosa» schliesst noch einen weiteren Themenbereich mit ein: Die Berge sind vom Klimawandel massgeblich betroffen. Gletscher ziehen sich zurück und lassen brüchige Halden und instabile Hänge zurück. Das Bergsteigen sei dadurch viel gefährlicher geworden, hört man aus Alpinistenkreisen. Dafür wird Bergsteigen in gewisser Weise umso populärer: Nicht das Naturerlebnis oder das Einssein mit dem Berg, wie es etwa Reinhold Messner zelebrierte, stehen im Vordergrund. Vielmehr geht es einfach darum, den schwierigsten, krassesten Gipfel möglichst schnell zu erklimmen. Der Massentourismus am Mount Everest spricht für sich.
Bewusst keine realistische Bergwelt
«Wir fokussieren bei der Darstellung gleichsam auf Sprache und Körper, arbeiten mit choreografischen Elementen sowie einer speziellen Soundlandschaft», so Krafft. Die Leerstellen und das Nebulöse, das Unausgesprochene und das Verdeckte habe ihr und dem Team viel Freiraum im Probenprozess gegeben.
Die Inszenierung am Neuen Theater verzichtet bewusst auf die Darstellung einer realistischen Bergwelt. Vielmehr soll mit Text, Spiel und Musik die passende Atmosphäre erzeugt werden. Damit wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass es sich bei «Monte Rosa» nicht um ein eigentliches Bergsteigerstück handelt, wie auch die Autorin in einem Interview mit dem Franzmagazine, einer Publikation für zeitgenössische Kultur in den Alpen, erklärte: «Ich habe diesen Schauplatz ausgesucht, weil das Gebirge in seiner Kargheit, Schroffheit und Ausgesetztheit zu den Figuren passt.» Für die Musik sind Xenia Wiener und Jo Flüeler verantwortlich: Im Laufe der Geschichte entwickelt sich eine akustische Landschaft, die etwa das Knurren, Ächzen und Stöhnen der Erde als Folge menschlichen Handelns hörbar macht.






