Aufwühlende, atemberaubende «Odyssee»

Am 28. August fand am Goetheanum die Premiere von Homers «Odyssee» der Jungen Bühne statt. Das Skript und die Inszenierung von Andrea ­Pfaehler können als genial bezeichnet werden.

Souverän: der mächtige Zeus (Lukas Hayoz) und die hilfreiche Pallas Athene (Sabine Held). Foto: Thomas Brunnschweiler
Souverän: der mächtige Zeus (Lukas Hayoz) und die hilfreiche Pallas Athene (Sabine Held). Foto: Thomas Brunnschweiler

Was die Zuschauerinnen und Zuschauer zu sehen bekommen, ist nicht weniger als die 24 Gesänge mit insgesamt 12110 Hexameterversen von Homers «Odyssee», verdichtet und in Episoden verpackt. Nach einem zweieinhalbstündigen Bilderbogen kennt man die wichtigsten Erzählstränge der Odyssee. Es ist das erste grosse Werk der Weltliteratur, das wohl um die Wende vom 8. zum 7. Jahrhundert vor Christus festgehalten wurde. Das Epos von Homer ist ein zeitloses Weltgedicht, die archetypische Erzählung von Strafe, Irrfahrt und Rückkehr, von Leid, Schmerz, Sehnsucht, Versuchung, Trauer, Angst, Freude, Hoffnung, aber auch Rache an den schmarotzerischen Freiern in Ithaka. Das pralle Leben also, das Odysseus bis in die nebelgeschwängerte Unterwelt hinabführt. Der Philosoph Adorno sah in Odysseus den «ersten modernen Menschentyp in der Literaturgeschichte»: Er kämpft gegen die Götter und das Schicksal. Oft leugnet Odysseus seine Identität, um sie gerade dadurch zu erhalten. «Wirklich zu Hause sein kann ein Mann nur, wenn er von irgendwo zurückgekommen ist», schreibt die Schriftstellerin Inge Merkel.

Überzeugendes Ensemble

Die Junge Bühne hat mit «Odyssee» ihre Meisterprüfung mit Bravour bestanden. Alle Mitspielenden verwandeln sich sprachlich, mimisch und gestisch in ihre Figuren. Die Gefühle kommen glaubwürdig über die Rampe. Es wird getrauert, geweint, getrotzt, beschimpft und geschrien. Zwischen Gespräch und Aktion gibt es auch berührende Momente des Innehaltens. Kurz, dem Publikum wird es niemals langweilig. Jeweils in einem der beiden Teile tritt ein anderer Schauspieler als Odysseus auf. Zuerst ist es Cameron Gough, nach der Pause Orell Semmelroggen; beide spielen den Protagonisten der Lebensirrfahrt mit gleicher intensiver Leidenschaft. Ludowika Held gibt Penelope, der heftig umworbenen Frau von Odysseus, den Charakter einer anmutigen, schlauen Frau, die während des langen Wartens ihre eigene Irrfahrt bestehen muss. Telemachos, der ohnmächtig zusehen muss, wie die Freier das Hab und Gut seiner Eltern aufzehren, wird von Michael Hintze gespielt: jugendlich, leidenschaftlich und zunehmend erwachsen werdend. Die gewitzte und wankelmütige Thalassa, die Vertraute von Penelope, spielt Sophia Gfeller mit sichtlicher Freude für ihre ambivalente Rolle. Auch die hier nicht genannten Mitspielenden überzeugen in ihren Rollen völlig. Ein besonderer Moment ist der Gesang des blinden Sängers, der den Beginn der Odyssee anstimmt «Sage mir Muse, die Taten des viel gewanderten Mannes, welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja-Zerstörung». Zu erwähnen sind auch die stimmige Musik, das einfache Bühnenbild, die professionelle Lichtführung, die schönen Kostüme und die persönliche Programmzeitung. Fazit: Wer die «Odyssee» der Jungen Bühne nicht besucht, verpasst ein Theaterereignis der Extraklasse.

«Odyssee», Goetheanum Grundsteinsaal, 3. und 4. September, 19.30 Uhr, 5. September, 16.30 Uhr; 10. und 11. September, 19.30 Uhr; 12. September, 16.30 Uhr. Weitere Informationen gibt’s online unter www.junge-buehne.ch.

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