«Ach, lieber Freund, wärst du nur hier»

Angelika Feind hat anhand von Briefen den Lebensweg ihrer Mutter Alice Laurents-Perm nachgezeichnet. Ihr Buch erzählt von einer aussergewöhnlichen Dreiecksbeziehung und von menschlicher Grösse.

Freude herrscht, denn endlich ist das Buch da: Herausgeberin Angelika Feind-Laurents in ihrem Garten in Gempen. Foto: T. Brunnschweiler
Freude herrscht, denn endlich ist das Buch da: Herausgeberin Angelika Feind-Laurents in ihrem Garten in Gempen. Foto: T. Brunnschweiler

Was erlebten Ausländer, die in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts wegen der Anthroposophie nach Dornach kamen? Trafen sie hier auf die heile Welt, die sie erwarteten? Wie gingen sie mit den Konflikten innerhalb der Bewegung Steiners um, die es damals schon gab? Auf solche Fragen gibt das neue Buch Antworten, die in einer anrührenden Liebesgeschichte eingebettet sind. Angelika Feind und ihre Schwester Beatrice Oling wussten vom frühem Briefwechsel zwischen ihrer Mutter und ihrem Pflegevater, aber die allgemein menschliche Bedeutung der Korrespondenz war ihnen nicht bewusst gewesen. Nach dem Tod von Alice Laurents-Perm begann die Sprachlehrerin Angelika Feind-Laurents die Briefe und Tagebuchtexte elektronisch zu erfassen und zu kommentieren. «Ich realisierte, dass es etwas Ähnliches noch nicht gibt», sagt sie, «und als Michael Fröhlich vom AAP-Verlag auf meine Bitte hin das Manuskript gelesen hatte, sagte er rasch zu.» Was nun vorliegt, ist ein querformatiges Buch: ein dramatisches und berührendes Zeugnis menschlicher Gefühle.

Lebensabenteuer

Als Alice Perm 1934 erstmals von Dänemark nach Dornach kam, ahnte sie noch nichts von dem, was auf sie hier warten würde. Bei ihrem zweiten Aufenthalt begann sie Sprachgestaltung zu lernen. Bald verliebte sich das Mädchen in den über zwanzig Jahre älteren Eurythmielehrer Lothar Linde. Zwischen Alice und Lothar entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, geprägt von Gesprächen über Anthroposophie und Lebensfragen. Fast täglich schrieben beide einander einen Brief. Als Alice krankheitsbedingt in den Bergen weilte, besuchte sie dort der fast gleichaltrige Däne Walther Laurents, ein Architekt. 

Sie verliebten sich und heirateten bald. Für Alice aber war klar, dass Lothar Linde in ihrem Leben weiterhin eine wichtige Rolle spielen würde. Der ältere «Rivale» hätte die junge Alice wohl zurückgewinnen können, aber er liess ihr die Freiheit und zeigte in seinen Briefen eine grossherzige Haltung und keinerlei Zeichen von Eifersucht. Alice Laurents bringt zwei Töchter zur Welt. Der Vater stirbt schon vor der Geburt der zweiten Tochter. Im Jahr danach ziehen Lothar Linde und die Witwe Laurents zusammen in eine Wohnung am Rütiweg. Der Pflegevater Lothar wird von den Kindern «Onkel Lothar» genannt, das «Vater» verbittet er sich, weil er bewusst die Erinnerung an den leiblichen Vater hochhält.

Gedenkveranstaltung

Walter Kugler, langjähriger Leiter des Rudolf Steiner Archiv, schrieb zum Buch ein erhellendes, kompetentes Vorwort, welches die Geschichte in den geistesgeschichtlichen Zusammenhang rückt. Das Werk wurde anlässlich einer Gedenkfeier für Lothar Linde am 30. Juni in der Schreinerei am Goetheanum vorgestellt. Der grosse Besucherandrang zeigte, dass Lothar Linde für viele noch immer unvergessen ist. Von den beeindruckenden persönlichen Hintergründen seiner Biografie hörten wohl viele zum ersten Mal.


Angelika Feind (Hrsg.): «Ach, lieber Freund, wärst du nur hier». Lothar Linde, Alice und Walther Laurents-Perm, Brief und Tagebuchtexte, ausgewählt und kommentiert, AAP Verlag, Basel 2012, 207 S., Fr. 37.40.

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