«Es sind nicht meine Häuser, es sind seine»
Marion Ammann hat die Häuser des Bündner Whistleblowers Adam Quadroni für knapp zwei Millionen Franken ersteigert. Darin wohnen will sie aber nicht.

Es war eine Versteigerung, die national für Aufsehen sorgte: Vergangene Woche wurden das Wohnhaus, die Jagdhütte und das Landwirtschaftsland des Bündner Whistleblowers Adam Quadroni versteigert. Den Zuschlag erhielt Marion Ammann aus Dornach, die sich sämtliche Objekte für insgesamt knapp zwei Millionen Franken sicherte. Sie ist bekennende Unterstützerin Quadronis.
«Was ihm widerfahren ist, ist eines Rechtsstaates wie der Schweiz unwürdig», sagt sie gegenüber dem Wochenblatt. Der damalige Bauunternehmer Adam Quadroni war selbst Teil des Systems, bevor er im Jahr 2017 Preisabsprachen unter Baufirmen im Unterengadin publik machte. In der Folge verhängte die Wettbewerbskommission Weko gegen die involvierten Firmen Bussen in Millionenhöhe.
Seither glich Quadronis Leben einer Talfahrt. Sein Baugeschäft ging Konkurs, danach verliess ihn seine Ehefrau mitsamt den drei gemeinsamen Töchtern. Quadroni wurde sozial geächtet, von einer Spezialeinheit der Polizei festgenommen und kurzzeitig in die Psychiatrie eingeliefert. Bis heute verlangt er vom Kanton Graubünden dafür Schadenersatz – bislang erfolglos. Aufgrund seiner Schuldenlast (über drei Millionen Franken) infolge des Konkurses seines Baugeschäfts wurden nun seine Besitzgüter zwangsversteigert. Das Interesse war gross, rund 40 Personen waren vergangenen Freitag an der Versteigerung anwesend. Den Zuschlag erhielt jedoch niemand aus dem Engadin, sondern die Dornacherin Marion Ammann.
Treffen an einem Benefizkonzert
Sie verfolge das Schicksal Quadronis schon länger, erzählt sie. Das erste Mal davon gehört habe sie, als Quadroni im Jahr 2018 vom «Beobachter» für den Prix Courage nominiert war. Sie fand es damals bereits eine Katastrophe, dass jemand, der einen Skandal aufgedeckt hatte, so behandelt wurde. «Ich habe ihn dann an einem Benefizkonzert von mir im Engadin getroffen», erinnert sich die Opernsängerin. Sein Schicksal habe sie besonders berührt. Quadroni habe sie als sehr zurückhaltenden und feinen Menschen kennengelernt. Seine ruhige Art – nach all dem, was ihm widerfahren ist – habe sie nachhaltig beeindruckt. Seither pflegte sie losen Kontakt zu Quadroni. Vor zwei Jahren erfuhr Ammann, die ihre Freizeit gerne im Engadin verbringt und dort auch eine Ferienwohnung besitzt, auf einer geführten Wanderung von der Zwangsversteigerung. «Das hat bei mir eingeschlagen wie ein Blitz», sagt Ammann. Sie habe noch in der gleichen Nacht zahlreiche Telefonate geführt und nach Unterstützern für ihr Vorhaben gesucht. Für sie war klar: Sie will Quadroni helfen, damit dieser weiterhin in seinem Haus leben kann.
Schnell fand sie Gleichgesinnte, trotzdem liefen in den vergangenen Wochen zahlreiche Abklärungen, wie das Ganze ablaufen könnte. Wie kann das Haus ersteigert werden, soll eine GmbH oder eine Stiftung gegründet werden? «Wir entschieden, dass es am besten ist, wenn möglichst wenige Personen mitreden», sagt Ammann. Eine kleine Gruppe von Freunden und Bekannten aus der Region unterstütze sie finanziell. Anfang Woche sei ein entsprechendes Konto eröffnet worden.
Vor der Versteigerung war unklar, für welche Summe die Objekte unter den Hammer kommen würden. Entsprechend flexibel mussten Ammann und ihre Mitstreiter sein. Kurz vor der Versteigerung, bereits im Saal sitzend, sprach sich Ammann final mit Quadroni ab, bis zu welcher Summe sie mitbieten würden. Wie hoch das Budget gewesen wäre, will sie nicht verraten. Die Versteigerung war für sie ein Nervenkrimi: «Ich bin an meine Grenzen gekommen. Das war die grösste Extremsituation meines Lebens.» Letztlich lief aber alles nach Plan.
Hoffen auf ein Happy End
Nun ist Ammann die Eigentümerin des Wohnhauses und der Jagdhütte, darin wohnen wird aber weiterhin Quadroni: «Es sind nicht meine Häuser, sondern seine.» Eine Miete verlange sie nur in der Höhe der Hypothekarzinsen und der nötigen Versicherungen. Ammann stellt klar: Es handelt sich um ein Darlehen, kein Geschenk.
Doch warum war Ammann bereit, Quadroni so zu unterstützen? «Ich glaube, das ist Teil meines Charakters», sagt sie. Als Anthroposophin lebt sie nach den Werten Rudolf Steiners. «Er wollte immer die Welt verbessern», erklärt sie. Nun konnte sie jemandem helfen. Und erhielt dafür starken Zuspruch. Seit der Versteigerung erhalte sie unzählige Nachrichten aus ganz Europa, die sich bei ihr bedankten: «Ich bin mit Nachrichten überflutet worden.»
Wie geht es nun weiter? «Ich hoffe, dass der Kanton Graubünden nun hinsteht und die Sache abschliesst – inklusive Entschädigung für Quadroni.» Sie hofft, dass durch den Zuspruch, den auch sie aktuell erfahre, Bewegung in die Sache kommt. «Wenn jemand Rückgrat zeigt, sind wir als Schweizer gefordert, diesen Menschen zu unterstützen», ist Ammann überzeugt. Wer würde sonst noch den Mut aufbringen, einen Skandal in der Schweiz aufzudecken, fragt sie rhetorisch. Für Ammann ist klar: «Jetzt muss der Kanton Farbe bekennen.»