Wohnqualität jenseits des Individualismus

Zum Thema Mehrgenerationenwohnen veranstaltete die CVP Arlesheim letzte Woche ein Podium. Das Interesse der anwesenden Zuhörer um das Pensionsalter herum war gross. Vieles ist noch Utopie.

Mehrgenerationenwohnen hat eine Zukunft: Kurt Lampart, Astrid Eberenz, Christina Hatebur (Moderation), Christoph Gschwind und Gabriele Marty (v. l.).  Foto: Thomas Brunnschweiler
Mehrgenerationenwohnen hat eine Zukunft: Kurt Lampart, Astrid Eberenz, Christina Hatebur (Moderation), Christoph Gschwind und Gabriele Marty (v. l.). Foto: Thomas Brunnschweiler

Thomas Brunnschweiler

Das Zusammenleben von mehreren Generationen unter einem Dach geniesst in der Schweiz eher noch ein stiefmütterliches Dasein. Dass es Lebensqualität jenseits der Einfamilienhausidylle und des Wohninseldaseins gibt, muss noch entdeckt werden. Im Saal des Restaurants Ochsen begrüsste alt Landrätin Beatrice Herwig das mehrheitlich ältere Publikum. Das Podium wurde von Christina Hatebur geleitet. Gabriele Marty von der Gesundheitsdirektion Basel-Landschaft betonte die Wichtigkeit der Angebotskette zwischen Selbstständigkeit und Pflegeheim. Die Anfragen für Mehrgenerationenwohnen seien selten, obwohl der Altersdurchschnitt im Bezirk Arlesheim eigentlich sehr hoch sei.

Sehr erhellend waren die ausführlichen Schilderungen von Kurt Lampart, der in der «Giesserei», einem Mehr-Generationen-Haus in Winterthur, Führungen anbietet. Die genossenschaftlich betriebene, seit 2013 bewohnte Siedlung umfasst 151 Wohnungen mit 330 Menschen aus vier Generationen. Es gibt eine organisierte Nachbarschaftshilfe mit Pflichtstunden und eine Vermietungskommission, die eine dem demografischen Durchschnitt der Schweiz entsprechende Belegung sicherstellt. In den beiden Häusern gibt es unter anderem einen mietbaren Saal, eine Bibliothek, ein Restaurant, eine Kita, eine Töpferei und eine Praxisgemeinschaft. Lampart betonte, dass es auch in der «Giesserei» Konflikte gebe und das viel beschworene Ideal des Stöckli bereits von Gotthelf demontiert worden sei.

Visionen gefragt
Astrid Eberenz, Hausleiterin im Generationenhaus Neubad in Basel, stellte ein anderes Konzept vor. Ihr Alters- und Pflegeheim umfasst im Tagesbetrieb eine Kindertagesstätte. Die Seniorinnen und Senioren haben täglich Kontakt mit Kindern, meist in geführten Angeboten, aber auch in spontanen Begegnungen. Für beide Generationen gibt es Rückzugsmöglichkeiten. Ein Neubau ist bereits geplant. «Man muss visionärer denken in diesem Bereich», betonte Astrid Eberenz.

Der Architekt Christoph Gschwind erklärte, dass kollektive Wohnformen schon im 19. Jahrhundert aufgekommen seien. Heute werde der genossenschaftliche Wohnungsbau zu Unrecht in die linke Ecke gestellt oder mit Sozialwohnungsbau verwechselt. Mehrgenerationenwohnen müsse Verknüpfungspunkte anbieten, um auch das mittlere Alter anzuziehen. Um diese neue Wohnform zu fördern, brauche es die Einflussnahme der Behörden, die den kommerziellen Druck auf den Landwert wegnehmen müssten. Alle auf dem Podium waren sich einig, dass günstiger Boden, Herzblut und Visionen sowie Sozialkompetenz die Voraussetzungen für Projekte wie das der «Giesserei» sein müssen. Die anschliessende Diskussion wurde rege genutzt und beim Apéro weiterverfolgt. www.age-stiftung.ch
 www.cvp-arlesheim.ch

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