«Wir müssen aus dem Bestand heraus arbeiten»

Architekturprofessor Harald R. Stühlinger beobachtet die Diskussionen um den Teilzonenplan Siedlung Ortskern und erklärt im Interview seine Haltung dazu aus fachlicher Sicht.

«Es muss nicht immer alles eins zu eins gleich bleiben»: Harald R. Stühlinger zeigt auf, wie ein Ortskern trotz Schutz nicht zum Ballenberg wird. Foto: Tobias Gfeller

Herr Professor Stühlinger, die aktuelle Quartierplanung zum Ortskern in Arlesheim stammt aus den 1970er-­Jahren. Ganz grundsätzlich: Weshalb braucht es in regelmässigen Abständen eine Art Neubewertung in einem neuen Reglement?

Wenn wir von einer städtebaulichen Ebene sprechen, können wir zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen städtebaulichen Leitbildern sprechen. Wenn wir einen Zonenplan aus den 1970er-Jahren haben, ist er sehr stark von der sogenannten «autogerechten» Stadt geprägt. Dem Auto wurde relativ viel Raum in den Städten gegeben, Abbruch wurde als Heilmittel für die verstopften Innenstadtbereiche angesehen. Der geltende Quartierplan in Arlesheim ist typisch für die Zeit damals, weil er genügend Raum lässt, um Bauten abzureissen und neu zu bauen. Heute sind wir von anderen Rahmenbedingungen überzeugt. Und die bedürfen anderer, nachhaltigerer Lösungen. Ich rate jeder Gemeinde, diesen Weg auch zu gehen.

Der Arlesheimer Gemeinderat hat das Ziel formuliert, Arlesheim bewahren und schützen zu wollen, aber auch die Balance zu schaffen zu einer möglichen Wohnraumerweiterung. Ist das überhaupt realistisch?

Natürlich ist das realistisch. Und es muss realistisch sein, sonst können wir eigentlich gar keine Nachhaltigkeit auf städtebaulicher, ökologischer und sozialer Ebene schaffen.

Wie kann dies in der Praxis funktionieren?

Man muss an Orten verdichten, die dafür geeignet sind, vor allem ausserhalb des Ortskerns. In Bereichen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden sind. Oder dort, wo einst Industrie war. Das passiert ja auch in Arlesheim.

Sie sagen, es lohne sich, einen historischen Ortskern zu bewahren.

Natürlich. Es ist ein historisches Erbe. Und ein Erbe hat Erben. Wir sind die Erben jetzt. Die nächste Generation sind unsere Erben. Wir sind nur die Verwalter eines Erbes, das immer weitergegeben wird. Orte sind Referenzpunkte für unsere Identität. Identifikation ist immer elementar. Ich könnte ihnen hundert Geschichten erzählen, wo man im Nachhinein bedauert hat, dass man Teile des historischen Zentrums verloren hat. Architektur hat sehr stark mit der Stiftung von Identität zu tun.

Aber wie schafft man es, dass ein Ortskern nicht zum Museum, zum Ballenberg wird, der nicht mehr lebt?

Man kann auch auf einer städtebaulichen Ebene konservieren und bewahren. Das heisst nicht, dass wir immer nur über Bauten reden müssen, die man unbedingt erhalten muss. Obschon das auch überaus wichtig sein kann. Bei einem nötigen Neubau sollte man aber versuchen, ein Gebäude hinzustellen, das sich in das Ortsbild einbettet. Es muss nicht immer alles eins zu eins gleich bleiben. Es geht um bauliche Volumen, Materialien und Farben. Es geht um nichts anderes, als dass man sensibel im Bestand operiert und auf den Ort eingeht.

Muss denn ein Reglement derart detailliert formuliert sein, wie es hier in Arlesheim geplant ist?

Private tendieren gerne dazu, Reglemente zu umgehen und ihre Privatinte­ressen durchzusetzen. Menschen haben sich einst gefunden, um an einem Ort zusammenzuleben. Daraus entstanden die kommunalen Gemeinschaften. Dafür braucht es immer Reglemente.

Können Sie denn auch die Verärgerung der Liegenschaftseigentümerinnen und -eigentümer nachvollziehen?

Das kann ich auf jeden Fall. Menschen fühlen sich auf die Füsse getreten, sobald in ihr Eigentum eingegriffen wird. Das verstehe ich schon. Es gibt aber neben den Partikularinteressen auch gemeinschaftliche Interessen. Die vertritt die Politik. Es ist nicht ein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.

Abreissen und neu bauen hat ja auch eine ökologische Komponente – Stichwort graue Energie. Spielt dies hier eine Rolle?

Auf jeden Fall. Wir müssen uns fragen, ob wir es uns noch leisten können, so viel Abbruch zu haben. Wir müssen aus dem Bestand heraus arbeiten. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass wir nos­talgisch sind oder einem alten Bild nachhängen. Es geht darum, dass wir genau da nachhaltig und ökologisch sind. Es geht darum, dass wir die in die Bauten investierte und genutzte Energie schützen.

Sie sagten, Sie raten allen Gemeinden, den Weg von Arlesheim zu gehen. Könnte Arlesheim also Signalwirkung haben?

Ich habe grosse Hoffnung, dass wenn Arlesheim dies schafft, nicht nur der Wakkerpreis überreicht wird, sondern dies positiv aufgenommen und als Vorbild und Modell herangenommen wird.

Zur Person

Der Österreicher Harald R. Stühlinger lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Er ist Dozent für Architektur-, Bau- und Städtebaugeschichte am Institut Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er ist als Veranstalter und Kurator von Ausstellungen, Referent und Autor im deutschsprachigen Raum gefragt. Stühlinger ist 53 Jahre alt und wohnt in Basel.

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