Harte Schnitte, klare Kante: Dieser Künstler kämpfte mit dem Schnitzeisen
Zwischen Blütenpracht und Totentanz lässt sich das eindrückliche Werk des Holzschneiders HAP Grieshaber im Forum Würth in Arlesheim entdecken.
Kontrastprogramm: Die neue Ausstellung im Forum Würth empfängt mit Liebespaaren unter blühenden Bäumen. Gleich daneben lacht der Schöpfer der «Baumblüte» von einem grossen Schwarz-Weiss-Foto. Der deutsche Holzschneider HAP Grieshaber (1909–1981) steht am Fenster seines Ateliers, durch das Skelett «Karlchen» blickt: Es diente ihm als Modell für eines seiner bekanntesten Werke, seine Neuinterpretation des «Totentanz von Basel».
«Ich bin glücklicher unglücklich, wenn ich etwas mache», erklärte der Künstler, dessen Schaffen von den Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägt war. Die harten Schnitte und Kontraste finden sich auch in seiner Biografie: Der in Baden-Württemberg geborene Künstler und Buchdrucker erlebte zwei Weltkriege, erhielt während des NS-Regimes Berufsverbot und geriet in Kriegsgefangenschaft. Grieshaber war bereits in seinen Vierzigern, als die Anerkennung kam, mit Documenta-Teilnahmen, Preisen und Ehrungen.
Wie der Metzger mit dem Beil
Den Stechbeutel in der Hand arbeitete sich Grieshaber an Fragen von Schuld und gesellschaftlicher Verantwortung ab: «Ich halte nichts von engagierter Kunst, denn ich bin ein homme engagé», zitiert ihn die Ausstellung «Einschnitt | Ausdruck». Der Holzschnitt als Gegenentwurf zur konsumorientierten Moderne entsprach dabei seinem Selbstverständnis als Handwerker, der «wie der Bauer mit seinem Pflug, der Metzger mit dem Beil» Arbeit verrichtet.
Mit seiner expressiven Bildsprache und der moralisch klaren Haltung wirkt Grieshaber zuweilen aus der Zeit gefallen. Dabei haben seine Themen Krieg, Umweltschutz, Atomkraft oder Rassismus nichts von ihrer Aktualität verloren: Nach Martin Luthers Marsch auf Washington 1963 widmete er der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung eine ganze Serie.
Auch die von Grieshaber herausgegebene Zeitschrift «Der Engel der Geschichte» gab sich kämpferisch. «Insgesamt schuf der Künstler 25 Ausgaben mit Bezug auf Zeitereignisse», erklärt Myriam Rüegsegger, Leiterin des Forum Würth. Die Publikation entstand in Kooperation mit namhaften Literaten und ging gemäss Grieshaber jeweils «gegen ein Unrecht» vor. Eine ausgestellte Ausgabe von 1973 kritisiert zum Beispiel den Walfang.
Dass sich der gesellschaftlich engagierte Grieshaber nach einem Vortrag an der Basler Kunstgewerbeschule auch für den Basler Totentanz interessierte, passt ins Bild: Der Tod als grosser Gleichmacher ebnet alle Standesunterschiede ein. Der Holzschneider aktualisierte das alte Personal: So fährt der Wucherer im Taxi vor, der Arzt steht im Operationssaal, und der Jude trägt den gelben Stern der Nazizeit – heimelig ist hier nur die Farbigkeit.
Im zweiten Stockwerk präsentiert sich der politische Künstler von seiner verspielteren, persönlicheren Seite. Für die bunten Markttische seiner Serie «Herbst der Wilhelmstrassenkrämer» benutzte der Künstler echte Tischbeine, die der Länge nach halbiert als Druckvorlage dienten – Holzwurmtunnels inklusive.
Osterritt mit dem Islandpony
Grieshaber porträtierte sich selbst, sein Hängebauchschwein und den Affen, die er auf einem Bauernhof am Fuss der Schwäbischen Alb hielt. Sein Islandpony ist in einem ganzen Zyklus verewigt: Am Ostersonntag 1963 steckte der Künstler Skizzenbuch und Zahnbürste in eine Satteltasche und ritt von seinem Wohn- zu seinem Geburtsort in Oberschwaben. Ein Foto zeigt den Künstler auf seinem treuen Traber, von zwei Nonnen in Ordenstracht herzhaft belacht.
Das Heimatgefühl wird bei Grieshaber nie gemütlich, die Natur zeigt sich in ihrer schrecklich-schönen Wandelbarkeit. Manchmal sitzt der Künstler selbst als Waldgott Pan im Gebüsch und spielt Flöte: Totes Holz zur «Bluescht» bringen, das kann nur er.








