Ein kleines Welttheater

Mit dem glänzend inszenierten Stück «Einfach kompliziert» von Thomas Bernhard meldet sich das Neue Theater am Bahnhof zur neuen Saison zurück. Spiel, Bühne und Kostüme sind aus einem Guss.

Begegnung der etwas anderen Art: Katharina (Aurelia Margiani) und der alte Schauspieler (Jörg Schröder).  Foto: Lucian Hunziker
Begegnung der etwas anderen Art: Katharina (Aurelia Margiani) und der alte Schauspieler (Jörg Schröder). Foto: Lucian Hunziker

Thomas Brunnschweiler

Thomas Bernhards «Einfach kompliziert» kam im selben Jahr (1986) heraus wie «Auslöschung», sein letztes grosses Prosawerk, das eine radikale und bitterböse Abrechnung mit der Nazivergangenheit seiner «Heimat» Österreich darstellt. Das Kammerstück, in dem nur ein alter Schauspieler und ein junges Mädchen auftreten, wirkt dagegen stiller, gleichnishafter und allgemeingültiger. Jedem, der sich der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergänglichkeit nicht verschliessen will, sei der Besuch dieses Stückes ans Herz gelegt. Thomas Bernhard hat hier nämlich die alte Metapher, dass das Leben ein Schauspiel sei, bis in die feinsten Facetten hinein durchdacht und in eine unvergleichlich musikalische Sprache transponiert.

Das Alter als Spiegelkabinett
Jörg Schröder spielt einen alten, im Stück namenlosen Schauspieler, dem – wie Bernhard Minetti, dem der Autor das Stück widmete – nur noch die Erinnerung an die Rolle von Richard III. geblieben ist, und mit ihr eine Theaterkrone, welche der Protagonist hütet wie seinen eigenen Augapfel. Wenn er sich in seiner lächerlichen Rolle als Selbst- und Weltverächter aufrafft und nicht gerade Mäuse jagt oder vergiftet, so setzt er sich die Krone auf, um sich noch einmal als König zu fühlen. Neben einem Spiegel, einem Kühlschrank, einem Schopenhauerporträt und einem Tonband ist dem grantelnden Greis nicht viel geblieben.

Einzig Katharina, ein neun Jahre altes Mädchen aus der Nachbarschaft, das denselben Namen trägt wie des Schauspielers verstorbene Frau, ist für den Alten so etwas wie eine Tür zur Hoffnung. Thomas Bernhard ist es gelungen, mit dieser zweiten, praktisch stummen Figur Dynamik ins Stück zu bringen und dem Misanthropen eine sympathische Seite abzugewinnen. Der Spiegel in dem von Fidelio Lippuner stimmungsvoll gestalteten Raum dient ebenso zur Selbstreflexion wie das Mädchen, das nicht viel zu sagen braucht, um den Alten zu verändern. Auch das Tonband ist wie in Beckets «Krapps Last Tape» Utensil der Selbstvergewisserung.

Hervorragende Besetzung
Mit Jörg Schröder ist das Stück hervorragend besetzt. Der Schauspieler steckt im Text wie in einem Handschuh, der sitzt. Er scheint mit der dargestellten Person, die ja auch ein Schauspieler ist, zu verschmelzen. Nie wirken Wut und Trauer der Hauptperson chargiert oder emotional forciert. Die österreichische Weltverachtung und der Abscheu über die Gesellschaft korrespondieren mit der verwaschenen Tapete des Zimmers, das der Protagonist bezeichnenderweise nicht mehr «ausmalen» will. Lili Stierle spielte am Samstag Katharina mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Georg Darvas hat das Stück stimmig und mit hintergründigem Humor inszeniert. Mit dieser Eigenproduktion hat das Neue Theater am Bahnhof sich selbst die Messlatte erneut hoch angelegt.

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