Bewegtes Leben – bewegendes Konzert

Am Sonntagabend gab der deutsch-brasilianische Pianist Leonardo Fuhrmann aus Dornach im Therapiehaus der Klinik Arlesheim ein Klavierkonzert.

Abgeklärtes und exzellentes Spiel: Leonardo Fuhrmann begeisterte sein Publikum.  Foto: Thomas Brunnschweiler
Abgeklärtes und exzellentes Spiel: Leonardo Fuhrmann begeisterte sein Publikum. Foto: Thomas Brunnschweiler

Der dreissigjährige Leonardo Fuhrmann hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Sein Talent zeigte sich früh durch Erfolge an renommierten Wettbewerben. Schon vor dem Studium an der Musikhochschule Lübeck spielte er Ravels schwieriges Klavierkonzert G-Dur. 2011 begann er sein Studium in Lübeck, gab Soloabende in der Schweiz, in Deutschland, England und Brasilien. Verschiedene Verletzungen der Hände zwangen ihn zu einer zweijährigen Pause, in denen er seinen Lebensunterhalt durch wechselnde Jobs verdiente. Im Herbst 2016 absolvierte er eine Akademie für Anthroposophische Medizin und er zog nach Dornach. Erst seit drei Jahren spielt er wieder Klavier. Es scheint, als ob die Zwangspause ihn musikalisch reifen liess.


Perlender, wiegender Chopin

Als erstes Stück spielte Fuhrmann Frédéric Chopins Barcarolle in Fis-Dur, also in einer sehr schweren, aber glänzenden Tonart, wie Berlioz sie beschrieb. Mit seiner Barcarolle tauchte Chopin in die Atmosphäre der Lagunenstadt Venedig ein. Die Themen erinnern an Gondoliere-Melodien, getragen von einer Begleitung, die das Rauschen des Wassers und den Ruderschlag suggeriert. Die drei ersten Takte des Allegretto mit einer Cis-Oktave im Bass und einer dreistimmigen Modulation geben den Ton des ganzen Werkes an. Dann setzt die für eine Barcarolle so typische wiegende Bewegung ein und Chopin entwickelt aus diesem Anfang eine spannungsvolle, hochkomplexe Musik voller Brüche und Gegensätze. Leonardo Fuhrmann interpretierte das Stück sehr abgeklärt, technisch sauber, kraftvoll und dynamisch. Den nötigen, aber auch heiklen Einsatz der Pedale meisterte er ausgezeichnet. Er vermochte den Spannungsbogen dieses einmaligen Stücks von Chopin bis zum Schluss zu halten.


Virtuoser und subtiler Beethoven

Beethovens Klaviersonate Nr. 32 op. 111 war seine letzte. Sie besteht nur aus zwei Sätzen. Die Sonate gehört zum Besten, was für Klavier geschrieben wurde; wohlgemerkt: Beethoven war bei der Entstehung schon völlig taub. Der erste Satz beginnt mit einer Maestoso-Einleitung und mündet in punktierte Rhythmen. Nach einem Triller auf dem tiefsten G im Pianissimo geht es ins Allegro und dort zum unisono angespielten Hauptthema, das den Sonatensatz prägt. Auch den zweiten Satz spielte Fuhrmann subtil und in der Arietta zu Beginn erhaben. Diese Passage macht das Geheimnis dieser Sonate aus. Die Sonate hat viele Deutungen erfahren. Theodor Adorno sprach von «Eros und Erkenntnis», Alfred Brendel vom «Präludium des Verstummens», und Edwin Fischer schrieb: «In diesen zwei Sätzen finden wir das Diesseits und das Jenseits versinnbildlicht.» Bei der charismatischen Interpretation Fuhrmanns spürte dies auch das Publikum. Starker, langer Applaus.

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