Ärztin und Pionierin: 150 Jahre Ita Wegman
Ita Wegman, die berühmte Medizinerin an Rudolf Steiners Seite, wäre heute 150 Jahre alt. Die Klinik Arlesheim feiert das Jubiläumsjahr mit Vorträgen und Konzerten.

In der Anthroposophie gehört in den engsten Kreis der Lichtgestalten neben Rudolf Steiner sicherlich Ita Wegman. Ihre Entwicklungen – in enger Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner vorangetrieben – sind aus dem komplementärmedizinischen Bereich nicht wegzudenken. Wegman ist Gründerin der heutigen Klinik Arlesheim, des Sonnenhofs, der ältesten anthroposophischen Einrichtung für Heilpädagogik und Sozialtherapie, sowie Mitbegründerin von Weleda, einem der international bekanntesten Unternehmen für Naturheilprodukte. Alle drei Institutionen sind in Arlesheim zu Hause, das Dorf hat der Medizinerin Renommee zu verdanken.
Am vergangenen Sonntag wäre die 1876 in Niederländisch-Indien geborene Ärztin, die den grossen Teil ihres Lebens in Arlesheim gelebt und gewirkt hat, 150 Jahre alt geworden. Im Goetheanum fand am Wochenende ihr zu Ehren eine hochdekorierte dreitägige Konferenz unter dem Titel «Mut des Heilens» statt. Unter Wegmans Leitsatz «Ich bin für Fortschreiten» feiert die Klinik Arlesheim das Geburtsjahr Wegmans ausgiebig mit über das ganze Jahr verteilten Veranstaltungen. Als Start gab es am Sonntag im Saal des Therapiehauses ein Konzert mit Werken von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert und Arvo Pärt. Es folgen in den kommenden Monaten Vorträge über Wegmans Visionen, Wirken, weibliche Emanzipation im Zusammenhang mit Anthroposophie oder über die Bedeutung der Mistel bei Krebserkrankungen – 1917 setzte die Ärztin ein Mistelextrakt zur Behandlung von an Krebs erkrankten Patienten ein. Freilich kann Wegmans Erfindung für sich den Krebs nicht heilen, jedoch Beschwerden für Betroffene merklich lindern.
Aus guten Verhältnissen
Wegmans Vater verwaltete in Niederländisch-Indien eine Zuckerfabrik, die kleine Ita erblickte das Licht der Welt in grossbürgerlichen Verhältnissen unter Niederländern in der damaligen Kolonie. In jungen Jahren wandte sie sich der damals in weiten Teilen der Welt populären Theosophischen Gesellschaft – einer esoterischen Bewegung Gutsituierter – zu, ging nach Europa und lernte in Berlin Rudolf Steiner kennen, der gerade zum Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft geworden war. Nach dem Studium der Medizin in Zürich interessierte sie sich ab den 1910er-Jahren für Steiners Ideen einer anthroposophischen Medizin.
1920 kaufte sie eine Liegenschaft in Arlesheim, um dort ein anthroposophisches Sanatorium einzurichten, das damals schlicht Klinisch-Therapeutisches Institut genannt wurde und bis zu 15 Patienten beherbergen konnte. Parallel dazu entstand eine Heilmittelfabrikation, aus der später die Internationale Laboratorien AG und noch später die Weleda AG wurde. 1924 gründete Wegman, ebenfalls in Arlesheim, das heilpädagogische Heim Haus Sonnenhof.
Ausschluss aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
Wegman genoss Steiners Ansehen – die beiden tauschten sich in medizinischen Fragen intensiv aus, trafen sich täglich. Die Medizinerin war zudem eine für damalige Verhältnisse emanzipierte Frau – ein Umstand, der nicht nur gern gesehen wurde.
Nach Steiners Tod 1925 entlud sich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ein Streit, der – vereinfacht gezeichnet – als Konflikt zwischen Steiners Frau und Ita Wegman gesehen werden darf. Ihr wurde vorgeworfen, sich Steiners Lebenswerks zu bemächtigen. Der Streit führte bis zum Ausschluss Wegmans aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft im Jahre 1935.
Freilich liess sie sich davon nicht beirren, blieb Leiterin der Klinik in Arlesheim und setzte sich für anthroposophische Medizin ein. Nach ihrem Tod 1943 wurde der Beschluss aufgehoben. Heute ist sie rehabilitiert.


