1200 Tonnen Stahl finden neue Bestimmung

Der neue Hauptsitz des Medtech-Konzerns in Arles-heim ist ein Vorzeigebeispiel für wiederverwendete Baumaterialien.

Noch nicht gross genug: Am neuen Hauptsitz der Straumann Group fehlen noch zwei Geschosse. Fotos: Roland Schmid

Noch nicht gross genug: Am neuen Hauptsitz der Straumann Group fehlen noch zwei Geschosse. Fotos: Roland Schmid

Arbeiten am Fallbeispiel für «Re-Use»: Kevin Rahner (links), leitender Bauingenieur,und Arealentwickler Hans-Jörg Fankhauser.

Arbeiten am Fallbeispiel für «Re-Use»: Kevin Rahner (links), leitender Bauingenieur,und Arealentwickler Hans-Jörg Fankhauser.

Wollte man in einem Wort zusammenfassen, was das gewaltige Unterfangen dieses Straumann-Neubaus auf dem Uptown-Areal in Arlesheim ausmacht, dann wäre es: Traglast. Auch wenn vordergründig natürlich der Begriff Re-Use durch den gesamten Rohbau von rund 7000 Quadratmetern Fläche weht, also die Wiederverwertung unzähliger Bauteile und ganzer Raumelemente. Doch am Ende ist es die enorme Traglast des historischen Industrieareals, die den Bau in dieser Form überhaupt ermöglicht. Auf dem Fundament und sogar im Untergeschoss einer alten Panzerhalle der Schweizer Armee entstehen hier Arbeitsplätze für rund 700 Personen. Inklusive modernsten, automatisierten Hochregallagers, Logistik und eines von Photovoltaikbändern umgebenen Dachgartens.

Die Besichtigung beginnt nicht im Rohbau selbst, sondern im 4. Obergeschoss des Uptown-Hauptbaus gleich gegenüber. Von hier zeigen sich die Dimensionen am besten. Noch fehlen die obersten zwei Stockwerke des neuen Hauptsitzes der Straumann Group, die Basel-Stadt verlässt und im Baselbiet einen frischen Campus hochzieht.

Wie CO2 zur Währungdes Bauens wird

Arealentwickler Hans-Jörg Fankhauser und der leitende Bauingenieur Kevin Rahner stehen an der Fensterfront. Rahner zeigt auf den vielen Beton und sagt: «Wir arbeiten hier mit maximalem Erhalt von Baustoffen.» Stahlträger, der Beton und auch Zugsäulen wurden neu eingesetzt und das ganze Untergeschoss mit den von der Armee gebauten und auf schwerste Panzer ausgelegten Bodenstützen wird schlicht integriert.

CO2-Äquivalente sind dabei zentral, für die Bauverantwortlichen, vor allem aber auch für die Bauherrin. Massgebliche Einsparungen sind grosse Pluspunkte für die Nachhaltigkeit, der sich Grossunternehmen auf dem globalen Markt verpflichten müssen. Es geht nicht nur um die Umwelt, sondern auch um sehr viel Geld. Wer nachhaltiges Bauen oder nachhaltige Prozesse ausweisen kann, ist bei Banken und Investoren stark im Vorteil. Und die Straumann Group legt mit ihrem Neubau die Latte ziemlich hoch: «Allein 60 bis 70 Prozent der CO2-Werte sind bei Gebäuden im Tragwerk gebunden», sagt Rahner. «Sparen wir hier, dann sparen wir so richtig.» Rund 1200 Tonnen Stahl werden vor Ort wiederverwendet. Konkret weist der Neubau durch das gesamte Bauteil-Recycling eine CO2-Ersparnis von berechneten 38,9 Prozent gegenüber einem modernen Vergleichsbau aus.

Rahner ist promovierter Ingenieur und Experte für komplexes Bauen. Er verantwortete als Bauingenieur das monumentale Dach der von Herzog & de Meuron gestalteten Elbphilharmonie in Hamburg, aber auch den Hauptbau von Uptown Basel, von dem man eben den Straumann-Neubau überblickt. Er ist ziemlich stolz darauf, was hier an Problemlösungen reingesteckt wurde: «Wir machen sehr vieles zum ersten Mal.» Und das mit einem Volumen, das insgesamt einem Zweifachen des Basler Messeturms entspricht.

Helm auf, Sicherheitsschuhe an und ab durchs Drehkreuz auf die Baustelle, die zur Zentrale des globalen Zahnimplantateherstellers aus der Region Basel wird. Fankhauser, ohnehin mit grosser Freude an komplexen Bauten gesegnet, zeigt hierhin, zeigt dahin, vom künftigen Eingangsbereich, der mit Sicherheitsstandards wie bei Roche ausgerüstet wird, bis zum Einbau des enorm anmutenden Hochregallagers, bei dem gerade letzte Schrauben gesetzt werden. «Hier werden voll automatisierte Transportwagen mit bis zu 100 Stundenkilometern durchflitzen», sagt Fankhauser. «Eine irrsinnige Anlage.» Er klopft an die Gittertür, grinst und sagt: «Gut, dass die Verriegelung automatisch und auf höchster Sicherheitsstufe funktionieren wird. Da will man unter Betrieb auf keinen Fall dazwischengeraten.»

Tragfähig muss auch das alte Material sein

Der neue Hauptbau, aber auch die geplanten zwei anderen Bauten von Straumann überschreiben nicht die Vergangenheit des Areals, sondern bauen auf dessen Tragfähigkeit auf: auf dem Fundament genauso wie auf der Tauglichkeit wiederverwertbarer Bauteile und Baumaterialien. Dasselbe gilt im Übrigen für die ganze IT-Infrastruktur bei Uptown selbst, wo Quantenrechner, weitere Hochleistungscomputer und ein Rechenzentrum stehen und weiter eingebaut werden. Auch dafür sind Traglasten nötig, wie sie solche alte Schwerindustrieareale bieten.

Ein Stockwerk weiter unten steht man in der Geschichte des Baus, altes Armee-Handwerk. Die tragenden Säulen sind von einem Ausmass, das man heute und zivil so kaum verbauen würde, die Gänge sind verzweigt, die Anlage weckt immer noch Erinnerungen an Bunkeranlagen in den Alpen. In einer der Wände eine militärische Fluchtluke als historisches Zitat: klein und eng genug für Notfälle, in denen man freiwillig seine Klaustrophobie überwindet; mittlerweile aber ausser Betrieb. Die Runde endet draussen, Helm ab, und dem Fotografen, schon zig Rohbauten gewöhnt, entwischt der Satz: «Das war jetzt mal eine saubere Baustelle.» Der Bauleiter daneben hört’s und quittiert überrascht: «O, vielen Dank!»

«Wir arbeiten hier mit maximalem Erhalt von Baustoffen.»

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