Radeln, Essen, Radeln, Schlafen — von Italien ans Nordkap

4000 Kilometer von Italien bis ans Nordkap. Persönliche Eindrücke einer Velotour der etwas anderen Art.

Am Ziel: Jean-Luc Mosimann aus Breitenbach und Michael Meury aus Laufen am nebelverwöhnten Nordkap.Fotos: zvg

Am Ziel: Jean-Luc Mosimann aus Breitenbach und Michael Meury aus Laufen am nebelverwöhnten Nordkap.Fotos: zvg

Traumkulisse: Wer nachts fährt, wird in Skandinavien mit stundenlangen Sonnenuntergängen belohnt.

Traumkulisse: Wer nachts fährt, wird in Skandinavien mit stundenlangen Sonnenuntergängen belohnt.

«Verkaufen Sie Regenponchos?» Die Tropfen trommeln unablässig auf das Dach des kleinen norwegischen Supermarktes am Ende der Welt. «Nein, tut mir leid.» Der Verkäufer mustert uns bemitleidend. Doch wir dürften unsere durchtränkte Kluft in seinem Lager trocknen. Er mache erst in einer halben Stunde Feierabend.

Während unsere Jacken und Hosen vor dem surrenden Ventilator baumeln, wickeln wir uns von Kopf bis Fuss in Plastiksäcke. Hie und da linst der Verkäufer kopfschüttelnd in das Lagerräumchen. «Seid ihr auch Teil dieses Nordkap-Velorennens aus Italien?» Davon hätten heute schon viele seinen Laden gestürmt. Wir bejahen — nicht ohne Stolz.

«Ich bin nicht neidisch», erwidert er grinsend, als er die Lichter löscht und uns die Tür aufhält. Draussen ist es taghell, doch von der Mitternachtssonne keine Spur. Kalter Regen und ein ätzender Gegenwind peitschen uns ins Gesicht. Wir winken und mühen uns auf den Sattel. Behutsam anfahren! Nach 17 Tagen Treten ächzen die Knie übler als die angerosteten Ketten unserer Gravel-Bikes.

«Schaut, es sind die Wurstbuben»

Das war die letzte Einkaufsmöglichkeit auf der Route. Wir haben es fast geschafft. Fast 4000 Kilometer brachten wir seit dem Start im norditalienischen Rovereto hinter uns. Rund 500 weitere Teilnehmende dieser Ultra-Cycling-Challenge «North Cape 4000» sind auf derselben Strecke unterwegs zum nördlichsten Punkt Europas. Witzige Bekanntschaften sind die Folge. «Schaut, es sind die Wurstbuben», hören wir sie wegen unserer Velokleidung immer wieder rufen. Meistens aber fahren wir allein. Eine Rangliste gibt es nicht. Es ist kein Wettkampf, jedoch ein Rennen gegen die Zeit — 20 Tage, sonst wird man nicht als Finisher gelistet.

Die Stunden verstreichen. Wir radeln durch karge Tundra, eingeklemmt zwischen Fjord und Steilklippe. Nachts zu fahren, hat sich stets ausbezahlt. Auch jetzt hat es bis auf ein paar tollpatschige Rentiere mitten auf der Landstrasse keinen Verkehr. Doch der Gegenwind wird immer gnadenloser und das Plastiksack-Gebastel immer durchlässiger.

Das Nordkap liegt auf einer kleinen Insel, weshalb die Norweger ein sieben Kilometer langes Loch unter dem Meer hindurchbohrten: schmaler als der Eggfluetunnel, Velostreifen Fehlanzeige und frostig wie ein Tiefkühler. Um drei Uhr morgens sind wir hier allein und bloss der sirrende Freilauf unserer Fahrräder hallt von den nassen Felswänden wider.

Doch die Kälte geht ins Mark und das Wetter am Tunnelausgang ist skrupellos. Mit letzter Kraft retten wir uns in ein beheiztes Raststätten-Klo am Strassenrand, sinken zu Boden und fallen in einen komatösen Schlummer.

Besser als das teuerste Hotel

Notdürftige Unterschlüpfe wie diesen lernten wir sehr zu schätzen. Schon am ersten Tag, am Tiroler Brennerpass, schüttete es wie aus Eimern und eine gemütliche österreichische Autobahnbrücke stellte selbst das teuerste Hotel Innsbrucks in den Schatten. Ein Zelt haben wir nicht dabei. Das spart Gewicht. Denn ob bayrische Fussballplatz-Tribünen, tschechische Parkplätze oder rote schwedische Baracken: Nirgends schläft es sich besser als im Schlafsack. Selbst dann nicht, wenn man frühmorgens auf Zehenspitzen weiterfahren muss, damit die Einheimischen von ihren zwei verlumpten Gästen im Gartenhäuschen keinen Schock abkriegen.

Zusammengefasst kostete uns der ganze Irrsinn zwei wunde Hintern, vier durchgescheuerte Knie, fünf Hotelnächte zum Kleiderwaschen, sechs Platten, 18 Tage und hunderte Stunden Podcast, um in den nimmer enden wollenden schwedischen Wäldern nicht durchzudrehen.

Der Lohn waren unzählige übermüdete Lachkrämpfe, kitschige Sonnenuntergänge, endlose Wildnis und rührende Bekanntschaften. Vom norwegischen Supermarktverkäufer bis zum deutschen Rentnerpaar, das bis tief in die Nacht Nordkap-Fahrende abpasst, um sie mit sächsischen Schokoriegeln und Velo-schläuchen zu bescheren.

Schrill reisst uns der Handy-Wecker nach 30 Minuten Träumen zurück ins norwegische Raststätten-Klo. «Packen wir’s an!» Raus in die garstige Einöde. Beseelt drücken wir uns die letzten 30 Kilometer durch Nebel und Nordwind bis ans Ende dieses Abenteuers, wo leider keine Aussicht, aber ein überteuerter Kaffee und ein feuchter Händedruck des Veranstalters warten.

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