Laufental
08.09.2021

«Frauen sollten häufiger ihre Ellbogen ausfahren»

Politik im Blut: Die Laufner Stadträtin Sabine Asprion vor ihrer politischen Wirkungsstätte, dem Laufner Stadthaus. Foto: Melanie Brêchet

Politik im Blut: Die Laufner Stadträtin Sabine Asprion vor ihrer politischen Wirkungsstätte, dem Laufner Stadthaus. Foto: Melanie Brêchet

Als in der Schweiz vor 50 Jahren das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, lernte Sabine Asprion gerade erst, die ersten Schritte zu gehen. Politik hat im Leben der 51-Jährigen einen grossen Stellenwert und ist unterdessen fester Bestandteil ihres Lebens.

Von: Melanie Brêchet

Sabine Asprion engagiert sich seit rund 13 Jahren mit Herzblut im Laufner Stadtrat. Noch drei Jahre kann sie dieses Amt bekleiden, spätestens dann muss sie ihren Sessel wegen einer Amtszeitbeschränkung räumen. Als Juristin im Dienste der Kantonalen Verwaltung des Kantons Solothurn pendelt sie beinahe täglich mit dem Zug nach Solothurn.

Wochenblatt: Von der Einführung des Frauenstimmrechts haben Sie natürlich nicht viel mitbekommen. Was bedeutet Ihnen diese Errungenschaft heute?

Sabine Asprion: Für mich ist das Frauenstimmrecht eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich eine Generation zurückblicke, stelle ich fest, dass meine Mutter, zwar ohne Stimmrecht, bereits sehr selbstbestimmt gelebt hat. So konnte sie beispielsweise einen Beruf erlernen und ich sehe es als riesigen Widerspruch, dass sie erst nach ihrer Heirat und dem Kinderkriegen ihre politischen Rechte erhalten hat. Denn politisch sensibilisiert war sie schon vorher.

Haben sich Ihre Eltern für die Vorlage eingesetzt?

Das weiss ich gar nicht. Meine Eltern haben bezüglich Frauenrechte unterschiedliche Haltungen. Meine Mutter ist in einem katholisch-konservativen Umfeld aufgewachsen, mein Vater eher liberal. Beide haben sich aber schon früh für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz engagiert.

Seit 1971 hat sich viel verändert. Wo sehen Sie die grössten Veränderungen für die Frauen?

Heute gehen Frauen mit einer totalen Selbstverständlichkeit in die Politik und bekleiden entsprechende Ämter. Sie trauen sich zu, mitzubestimmen und nehmen ihren Platz ein. Das hat aber doch ganze 50 Jahre gedauert. Gleichzeitig ist es aber immer noch so, dass bei Frauen andere Massstäbe gesetzt werden. Sie müssen mehr leisten als die Männer, um akzeptiert zu werden.

Ist die Gesellschaft also noch nicht da, wo sie sein sollte?

Nein, noch lange nicht. Die absolute Gleichberechtigung besteht immer noch nur auf dem Papier. Geschlechterfragen müssen trotzdem immer noch diskutiert werden. Gerade auch in der Rechtsprechung. Aktuelles Beispiel: Wann ist geschiedenen Frauen die wirtschaftliche Selbstständigkeit wieder zuzumuten?

Welche Rolle spielen bei dieser Diskussion patriarchale Strukturen?

Eher das patriarchale Erbe spielt eine Rolle. Frauen meiner Generation sind in diesen Strukturen aufgewachsen. Und auch wenn sie nicht mehr danach leben, steckt es noch in ihnen. Es braucht immer noch Widerstand, das Leben anders gestalten zu können. Das Einkommensgefälle zwischen Frau und Mann ist Realität, sei es, weil Frauen einfach schlechter bezahlt werden, sich weniger qualifizierte Ausbildungen zutrauen oder weil sie sich schlechter verkaufen, und Frauen stehen immer noch unter einem hohen gesellschaftlichen Druck, wenn sie in hohen Pensen arbeiten möchten. Sie müssen sich immer noch rechtfertigen, gerade, wenn sie noch Mütter sind. Aber auch Männer müssen sich rechtfertigen. Dann zum Beispiel, wenn sie zugunsten der Familie Teilzeit oder sogar als Hausmann arbeiten möchten.

Scheitert die Gleichberechtigung nicht auch daran, dass viele Frauen keine Ambitionen haben, sich dafür einzusetzen?

Die Journalistin Bettina Weber sagt dazu, dass Frauen in die Verantwortung gehen und die Missstände benennen und anpacken müssen. Ihrer Ansicht nach nehmen immer noch viel zu viele Frauen in akademischen Berufen ihr Familienleben als Entschuldigung dafür, sich nicht dem beruflichen Wettbewerb auszusetzen, wo man auch mal die Ellbogen ausfahren muss. Ich teile diese Ansicht in einzelnen Punkten, z. B., dass es richtig anstrengend ist, Gleichberechtigung einzufordern.

Es ist die eine Seite, dass wir Frauen dranbleiben und aktiv sein müssen. Wir sind aber nicht alleine dafür verantwortlich, dass wir noch nicht da sind, wo wir sein sollten. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe — und da haben auch Männer einen Anteil.

Zurück zu Ihnen: Wie wurden Sie politisiert?

Sicherlich über die Laufentalfrage. Da habe ich mich stark eingesetzt für einen Übertritt zum Kanton Baselland. Ich engagierte mich aber auch schon früh für Umweltschutz oder gegen Kernkraftwerke. Bei uns zu Hause wurden die Themen immer diskutiert.

Welchen Stellenwert hat Politik heute in Ihrem Leben?

Einen sehr grossen! Dadurch, dass ich die Chance erhalten habe, im Laufner Stadtrat tätig zu sein, hat Politik mein Leben und insbesondere die letzten 13 Jahre natürlich stark geprägt. Ich habe mein Berufsleben darauf ausgerichtet, Pensen reduziert und immer flexibel gearbeitet. Das klingt nach einer grossen Bürde, ich sehe das aber vor allem als Riesenchance: Ich konnte mich vernetzen, lernte viele Leute kennen und durfte mich in Themen einarbeiten, die ich nie für möglich gehalten habe, wie beispielsweise die Raumplanung.

In drei Jahren müssen sie aufgrund der Amtszeitbeschränkung Ihr Amt als Stadträtin aufgeben. Welche politischen Ambitionen haben Sie noch?

Bundesrätin wäre noch ein Ziel. Das Baselbiet müsste wieder einmal zum Zuge kommen. Im Ernst: keine Konkreten. Alles, was über mein Stadträtinnenmandat hinausgeht, wäre mehr theoretischer Natur.

Zum Schluss: Was geben Sie jungen Frauen, welche sich politisch engagieren möchten, mit auf den Weg?

Traut euch das zu! Auch wenn ihr bisher nicht viel mit Politik am Hut hattet. Das gilt übrigens auch für Männer. Den Frauen sei aber gesagt: Ihr dürft auch mal taktieren, auch mal hinstehen und selbstbewusst etwas behaupten. Es ist auch wichtig, Allianzen zu schmieden und manchmal muss man auch etwas frech und mutig sein. Ich glaube, das habe ich zu wenig gemacht. Ich versuche immer mit grosser Sachkompetenz zu punkten. Das ist natürlich auch wichtig. Aber es reicht nicht immer, um ein politisches Ziel zu erreichen.