«Ich brauche im Durchschnitt nur noch vier Stunden Schlaf»

Vor zehn Jahren erhielt Tanja Steiger die Diagnose Parkinson. Seit dem 1. Mai ist sie Gemeindepräsidentin von Hofstetten-Flüh. Im Interview erzählt sie, wie sie mit der Krankheit umgeht und woher sie die Energie für ihre zahl­reichen Aktivitäten hernimmt.

Lässt sich nicht entmutigen: Tanja Steiger geniesst das Leben trotz Parkinson. 
         
         
            Foto: Gaby Walther
Lässt sich nicht entmutigen: Tanja Steiger geniesst das Leben trotz Parkinson. Foto: Gaby Walther

«Wochenblatt»: Frau Steiger, Sie sind seit drei Monaten Gemeindepräsidentin. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Tanja Steiger: Der Einstieg war mit viel Arbeit verbunden, aber auch sehr spannend und fordernd. Ich habe viel gefragt, auch hinterfragt, um die Mechanismen in der Gemeinde zu verstehen.

Drei Kandidaten hatten sich um das Amt beworben, wobei Sie mit grossem Vorsprung gewählt wurden. Es gab aber auch Stimmen, die Ihnen das Amt nicht zutrauten, weil Sie an Parkinson leiden. Wie gingen Sie mit dieser Kritik um?

Das war sehr hart. Ich ging immer offen mit meiner Krankheit um und erklärte den Leuten, weshalb ich zeitweise zittere. Parkinson ist eine neurologische Krankheit, die die körperliche Bewegung einschränkt, jedoch nicht den Intellekt. Ich bin durch Parkinson nicht geistig ge-schwächt. Das war wahrscheinlich nicht allen klar.

Sie haben früh, bereits mit 48 Jahren, die Diagnose Parkinson erhalten. Wie hat sich die Krankheit bemerkbar gemacht?

Ich spürte einen Tremor im linken Arm. Da ich aber immer viel Sport trieb, schob ich das auf eine Überbelastung. Später kam eine gewisse Steifheit hinzu und im Spiegel erschrak ich über meine Gesichtszüge, die maskenhaft wirkten. Der Neurologe erkannte sofort, dass ich an Parkinson leide, wobei die Krankheit nicht klinisch, sondern nur mechanisch bestätigt werden kann.

Was bedeutet für Sie Parkinson im Alltag?

Anfangs hatte ich Mühe, die Krankheit einzuordnen. Nach einem halben Jahr waren die Medikamente so gut eingestellt, dass ich seither meist beschwerdefrei leben kann. Wichtig ist es, dass ich die Medikamente, welche das fehlende körpereigene Dopamin ersetzen, exakt zum richtigen Zeitpunkt einnehme. Nehme ich sie zu spät ein, brauche ich viel Energie, um die Auswirkungen zu überdecken und wieder ins Gleichgewicht zu kommen. In den Momenten, wo das Zittern stärker ist oder ich mich schwach fühle, habe ich aber keine Hemmungen, andere um Hilfe zu bitten.

Andere würden mit solch einer Krankheit nicht das anspruchsvolle Gemeindepräsidium übernehmen. Sie hingegen führen noch eine Beratungsfirma und haben in den letzten Jahren zwei Krimi-nalromane herausgegeben. Was treibt Sie an?

Eine Auswirkung der Krankheit und der Medikamente ist, dass ich eine grosse Unruhe spüre, die mich dazu antreibt, immer irgendetwas zu tun. Ich kann kaum still sitzen und brauche nur noch etwa vier Stunden Schlaf. Meist gehe ich erst um drei Uhr nachts ins Bett.

Parkinson ist nicht heilbar. Ihr Zustand wird sich schleichend verschlechtern. Wie gehen Sie damit um?

Zum Glück habe ich keine Depressionen, was typisch für diese Krankheit wäre. Aber man könnte natürlich daran verzweifeln. Denn es ist hart, zu wissen, dass es mir nie mehr gut gehen wird und dass ich nicht mehr gesund werde. Aber ich bin ein positiv eingestellter Mensch und deshalb begleiten mich diese Gedanken nicht durch den Alltag. Heute lebe ich bewusster, geniesse Kleines, rege mich selten auf und mache das, was noch möglich ist. Sport — vor allem Gleichgewichtsübungen und Krafttraining — ist sehr wichtig, um beweglich zu bleiben und Stürze zu vermeiden. Ich spiele mit Begeisterung Golf, eine perfekte Sportart für Parkinsonpatienten. Ich bin vier Stunden draussen, bewege mich, konzentriere mich auf die 18 Löcher und habe sozialen Kontakt. Als Ladies-Captain vergesse ich meine Krankheit komplett.

Wie sollen Menschen auf Ihre Krankheit reagieren?

Ich darf direkt und offen darauf angesprochen werden und ich schätze es auch, wenn mir Hilfe angeboten wird. Weniger gerne habe ich Mitleid.

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