Er ist da, wo sich Fuchs und Dachs gute Nacht sagen
Marc Weber ist Jagdaufseher von Reinach. Das Wochenblatt hat ihn auf den Spuren der Wildtiere im Siedlungsgebiet begleitet.

Wir stehen mitten im Reinacher Siedlungsgebiet, etwas abseits einer Strasse auf einem kleinen Pfad zwischen zwei naturnahen Gärten. Hier, direkt unterhalb eines Neubaus, wohnt eine Dachsfamilie. «Gut möglich, dass jetzt Jungtiere geboren wurden», sagt Marc Weber, Jagdaufseher von Reinach. Dachse leben in Familienverbänden in weit verzweigten Bauten, die teilweise über Jahrzehnte bestehen. «Wir haben in Reinach mindestens zwei Bauten, die über 100 Jahre alt sind», weiss Weber. Der Dachs ist ein soziales Tier – auch gegenüber anderen Spezies. So lasse er auch mal den Fuchs bei sich einziehen, sofern sich dieser anständig benehme, sagt Weber und lacht.
Der Dachsbau ist Symbol einer Tierwelt, die sich an den Menschen und das Leben im Siedlungsgebiet angepasst hat. Trotz zunehmender Bebauung und schwindender Naturflächen haben Fuchs und Dachs nach wie vor hohe Bestände.
Ungebetene Gäste im Garten?
Doch im Siedlungsgebiet treffen oft verschiedene Interessen aufeinander: «Wer einen gepflegten Rasen kultivieren möchte, sollte verschiedene Massnahmen ergreifen, damit der Dachs nicht alles aufwühlt», erklärt Weber. Frisch gepflanzte Beete, Rasenflächen oder auch ein offener Kompost ziehen die Tiere bei der Nahrungssuche an. «Der Fuchs – und vor allem der Dachs – zerwühlen den Boden, um an Eiweiss zu gelangen. Um die Schäden im Garten möglichst klein zu halten, empfehlen wir Nahrungsquellen wie etwa Katzenfutter oder offene Komposte zu entziehen und schwer zugänglich zu machen», sagt Weber. Doch was, wenn diese Massnahmen nicht helfen? Einen Dachs im Siedlungsgebiet zu jagen, käme aus Sicherheitsgründen nicht in Frage, sagt Weber. Um das Tier fernzuhalten, gäbe es verschiedene Möglichkeiten wie etwa Geräusche, Licht oder Gerüche, rät der Jagdaufseher.
Wir spazieren weiter zum Waldrand. Hier hat jemand Austernschalen und eine Weinflasche entsorgt. Solche Abfälle ziehen Wildtiere an und seien schädlich für Flora und Fauna, mahnt Weber.
Im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Interessen
Fuchs und Dachs sowie alle anderen Wildtiere profitieren von naturnah angelegten Gärten – auch Weber hat bei sich zu Hause einen solchen angelegt. Er möchte den Tieren ein Refugium bieten und freue sich, wenn er sie im Garten beobachten könne. Doch als Jagdaufseher bejagt Weber Fuchs und Dachs, aber auch Reh und Wildschwein. Ein Widerspruch? Weber erklärt: «Man ist als Jäger dazwischen: Ich mag Tiere, aber gewisse Bestände muss man regulieren.» Die Jagd diene dazu, jene Wildbestände zu regulieren, die keine natürlichen Feinde hätten. Damit würden die Bestände auf einer natürlichen Grösse gehalten, erklärt Weber. «Dies geschieht nach Vorgaben und unter Absprache mit der Gemeinde und dem Kanton.»
Seit über zehn Jahren kümmert sich Weber zusammen mit seinem Kollegen Björn Widlund um die Wildtierbestände in und um Reinach. Die Arbeit ist ehrenamtlich, die Einsätze können jederzeit erforderlich sein: «Das Telefon ist immer auf laut, wir haben 365 Tage im Jahr Pikett.» Dabei steht Weber im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Privatpersonen, Forstbetrieb und den Interessen der Landwirtschaft. Zerwühlen etwa Wildschweine einen frisch angesäten Acker, so muss er zusammen mit dem betroffenen Landwirt eine Lösung suchen. «Wir jagen dann meist ein junges Tier einer Wildschweinrotte. Dadurch meiden die Leitbachen anschliessend das Gebiet.»
Stirnlampen und Partys stören die Tiere nachts
Im Siedlungsgebiet werden die Wildtiere nicht mehr bejagt. Sie sind mit anderen Herausforderungen konfrontiert. So sei etwa die zunehmende Aktivität der Menschen in der Dämmerung oder nachts in den Wäldern ein Störfaktor für Reh und Co. «Wenn Jogger mit einer Stirnlampe quer durch die Wälder rennen, stört das die Tiere bei ihrer Nahrungsaufnahme. Auch Partys mitten im Wald können Tiere aufschrecken. An den offiziellen Grillstellen ist das Festen kein Problem. Die Tiere kennen die offiziellen Grillstellen, sie meiden diese», sagt Weber. Auch frei laufende Hunde, die während der Brut- und Setzzeit Jungtiere aufscheuchen oder gar verletzen, setzen den Wildtieren zu. Gerade im Siedlungsgebiet ist der Druck auf die spärlichen Naherholungszonen gross.
Wer einen Unfall nicht meldet, macht sich strafbar
Vom Waldrand gehen wir weiter in Richtung Strasse. Zwischen Reinach und Therwil wälzt sich die Blechlawine täglich mal schneller, mal langsamer vorwärts. Hier liegt eine der grössten Bedrohungen für Wildtiere: Es ist nach wie vor der Strassenverkehr. Gerade im Frühling suchen die Tiere neue Reviere, etwa zwischen Reinach und Therwil sowie zwischen Aesch und Ettingen. Die grossen Strassen zerschneiden die Lebensräume der Wildtiere – sie müssen sie überqueren, um weiterzukommen. Nicht selten kommt es zu Unfällen. «Das Schlimmste, was man tun kann, ist, ein Tier anzufahren und dann einfach wegzufahren», sagt Weber. Es ist Pflicht, den Jagdaufseher oder die Polizei zu informieren – auch die Versicherung zahle einen Schaden am eigenen Auto nur, wenn eine Meldung gemacht wurde. Eine Meldung wird nicht strafrechtlich verfolgt – wer keine Meldung macht, hingegen schon. Der Jagdaufseher rät: «Tempo reduzieren und Augen offen halten.»
Das gilt nicht nur im Strassenverkehr: Wer den Blick im Siedlungsgebiet schweifen lässt, entdeckt vielleicht da und dort noch eines der Wildtiere, das sich den Lebensraum mit uns teilt.
Wildtierunfall? Die Einsatzleitzentrale der Polizei bietet in diesem Fall die Jagdaufsicht auf. Telefonnummer: 061 553 35 35 oder 112.
Alternativ erreichen Sie die Jagdaufseher direkt: Marc Weber, 079 298 95 90; Björn Widlund, 079 248 82 76.


