«Solange Putin lebt, wird es den Krieg in irgendeiner Form noch geben»

Die schweizweit bekannte «unfreiwillige Kriegsjournalistin» Luzia Tschirky kam am vergangenen Sonntagmorgen in den Aescher Schloss-Chäller und las aus ihrem Buch «Live aus der Ukraine».

Hatte die volle Aufmerksamkeit des Publikums: Journalistin und Autorin Luzia Tschirky. Foto: José R. Martinez
Hatte die volle Aufmerksamkeit des Publikums: Journalistin und Autorin Luzia Tschirky. Foto: José R. Martinez

In turbulenten und krisenreichen Zeiten mit verschiedensten Kriegsherden auf der Welt scheint das Risiko gross, dass der Fokus und die Aufmerksamkeit für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine manchmal verblassen. Doch im proppenvollen Schloss-Chäller holte Journalistin und Autorin Luzia Tschirky am Sonntagmorgen die Grausamkeit dieses Krieges in der Ukraine zurück in die Gedächtnisse. Tschirky wuchs in Sargans auf und war ab 2019 als SRF-Korrespondentin in Moskau im Einsatz, von wo aus sie bis zum Kriegsausbruch über Russland und die Länder der ehemaligen Sowjetunion berichtete.

«Das wird keine klassische Lesung», sagte Tschirky zu den rund 70 Besucherinnen und Besuchern, die sie mit einem warmen Applaus begrüssten – und sie sollte recht behalten. Zu Beginn zeigte sie ein Bild, auf dem sie in einem zerbombten Gebäude steht, vor ihr ein Krater im Boden. Das Gebäude ist ein mittlerweile ehemaliges Schulhaus und der Krater ein Schützengraben, den die russische Armee aus kriegstaktischen Gründen ausgehoben hat.

In ihrem Buch wie auch bei der Lesung in Aesch zeigt und beschreibt Tschirky Momentaufnahmen aus ihren fünf Jahren als Korrespondentin. Nach dem ersten Bild ging die Reise zurück ins Jahr 2019, zu dem sie anfügte: «Ich bin überzeugt, dass ein Blick in die Vorgeschichte wichtig ist, weil sie den Kriegsausbruch danach erst möglich gemacht hat.» Sie zeigte ein Bild, worauf sie von mehreren russischen Polizeikräften in einen Kastenwagen abgeführt wird. Die Aufnahme entstand im August 2019, als sie den Soziologen Mischa Gabowitsch am Rande einer unbewilligten Demonstration gegen Putin begleitete. Sie ordnete ein: «Ich war mir in diesem Moment sicher, dass ich als Schweizer Journalistin keine gröbere Gewalt erfahren werde, doch das war ein Privileg, das russische Presseleute sicherlich nicht hatten.»

Putins Versprechen nicht für bare Münze nehmen

Putin habe schon damals jede Form der Opposition als Extremismus betitelt und dementsprechend bekämpft. Dass sich die allgemeine Situation in Russland mit der Zeit verschlechtert hatte, sei einfach zu sehen gewesen – ab wann jedoch abzusehen war, dass es in einem Grossangriff endet, sei schwierig bis unmöglich gewesen: «Ich habe das nicht kommen sehen oder nicht sehen wollen», gestand sich Tschirky ein. Ebenso schwierig sei es, verlässliche Aussagen darüber zu treffen, wie sich der Kriegsverlauf in der Ukraine entwickeln wird.

In Bezug auf die aktuelle Situation riet Tschirky davon ab, Putins Versprechen und Zusagen für bare Münze zu nehmen: «Für Putin sind alle unterschriebenen Verträge mit Regierungsleuten, die sich im Gegensatz zu ihm einer Wiederwahl stellen müssen, entsprechend flexibel einhaltbar oder eben nicht», meinte sie. Und sie wagte die düstere Prognose: «Solange Putin lebt, wird es den Krieg in irgendeiner Form noch geben. Doch ich wäre mehr als froh, wenn ich mich täusche.»

Lange Schlange vor dem Büchertisch

Nach Tschirkys etwa einstündigen Ausführungen zeigte sich ein untypisches Bild: ein vorerst unbesuchter Apéro. Dafür umso länger war die Schlange, um sich ein signiertes Exemplar ihres vorgestellten Buches zu ergattern und Fragen zu stellen. Angesprochen darauf, wie sie die Entwicklung der Aufmerksamkeit und des Interessens in der Schweiz für den nach wie vor tobenden Krieg wahrnehme, meinte Tschirky gegenüber dem Wochenblatt: «Ich war überrascht, wie gross das Bewusstsein über die Zeit geblieben ist. Ich denke, das hängt vor allem mit der geringen Entfernung und den gemachten Bekanntschaften mit ukrainischen Geflüchteten zusammen. Dass so viele Menschen heute zu dieser Lesung gekommen sind, unterstreicht das natürlich.»

«Für Putin sind alle unterschriebenen Verträge mit Regierungsleuten, die sich imGegensatz zu ihm einer Wiederwahl stellen müssen, entsprechend flexibel einhaltbar oder eben nicht.»

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