Eva Lootz: «Bei der Art Basel ging es nur ums Geld»

Sie lässt Metalle fliessen und nennt Bergwerke die «Unterwäsche der Geschichte». Jetzt zeigt das Kunsthaus Baselland das radikale Werk der 85‑Jährigen.

«Salario»: Eine der Kunstinstallationen von Eva Lootz im Kunsthaus Baselland. Foto: zvg

«Salario»: Eine der Kunstinstallationen von Eva Lootz im Kunsthaus Baselland. Foto: zvg

Lässt das Material sprechen: Eva Lootz auf einer Aufnahme von 1993. Foto: Javier Campano

Lässt das Material sprechen: Eva Lootz auf einer Aufnahme von 1993. Foto: Javier Campano

«Ich werde sie ausgraben», sagt Eva Lootz in tiefstem Wienerisch, als die Kunsthaus-Direktorin sie an der Pressekonferenz bittet, in ihrer Muttersprache zu sprechen. Denn seit bald 60 Jahren lebt die 85‑Jährige in Spanien. Dort zählt sie zu den wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation. Auch in ihrem Werk geht es ums Ausgraben. Lootz steigt hinab in die Wunden der Landschaft, in Salzminen, Bergwerke, Stollen. Sie schmolz Metalle, liess ohne Handschuhe Quecksilber über eine Edelstahl-Platte rinnen. So entstand darauf eine Haut, die jede Schwingung der Luft sichtbar machte. Ein Schwarz-Weiss-Film von 1983 zeigt die Aktion, für die ihr ein spanisches Bergwerk 480 Kilogramm des Schwermetalls lieh. «Heute könnte ich das nicht mehr machen», sagt Lootz trocken. «Die Museen haben das verboten, weil Quecksilber giftig ist.»

Ausgraben statt Ausdrücken

Die Natur, ob unversehrt oder nicht, spielt in ihrem Werk eine grosse Rolle. Das passt. Denn Lootz ist selbst eine Naturgewalt. Wenn sie sich mit Materien wie Quecksilber oder Kupfer auseinandersetzt, sucht sie darin keine Symbole – sondern Gesprächspartner. «Ich wollte nichts ausdrücken, ich wollte nichts darstellen, ich wollte keine persönlichen Aussagen machen», sagt sie über ihr Werk. Man glaubt ihr sofort. Die Direktorin und ein Kurator spielen ihr Schlagworte zu: Körperlichkeit, Ökologie. Aber die Künstlerin erzählt lieber vom Bergbau im alten Rom oder schwärmt vom Kreuzgang des Basler Münsters. Mehrfach unterbricht sie sich selbst. «Das führt zu weit», sagt sie dann.

Dass Lootz’ erste grössere deutschsprachige Retrospektive in Münchenstein stattfindet, ist folgerichtig. Denn mehrere Werke beziehen sich auf Basel. Eine Galerie habe sie einst an die Art Basel eingeladen, erzählt sie. «Schnell habe ich gemerkt, dass es dort nur ums Geld ging. Das hat mich deprimiert.» Also besuchte sie stattdessen das Historische Museum und spazierte den Rhein entlang.

Basel als Kind des Rheins

«Alle grossen Städte sind Töchter von Flüssen», sagt sie, und in Basel wechsle einer der grössten europäischen Ströme abrupt die Richtung. Der Blick aufs Rheinknie aus dem Flugzeug inspirierte sie zur Zeichnungsserie «Basilea», die derzeit in der Ausstellung hängt: Sie zeigt Flussläufe von oben, daneben organische Formen. Gleich daneben hängen schwarze Kautschukschlangen von den Betonwänden. Sie zeigen Flüsse als Verästelungen: den Amazonas, den Jangtse, den Nil. «In den Neunzigern habe ich beschlossen, die grossen Flüsse in einen Raum zu bringen», sagt sie. Grundlage waren Landkarten aus dem 19. Jahrhundert – wohl deshalb, weil sich die Flussläufe seitdem stark verändert haben. Die Installation «Salario» im letzten Raum ist ein Höhepunkt: Rund 40 Holzkuben reihen sich am Boden, auf jedem ein Häufchen Prattler Salz wie ein Ausrufezeichen. Darüber hängen Weidenzweige aus den Meriangärten, in Paraffin getaucht, weiss überzogen wie aus einem Gradierwerk. An der Wand Fotos von Berg- und Salzwerken aus aller Welt.

Eines zeigt einen Krater voll blutrotem Wasser. «Da fällt man besser nicht hinein», kommentiert Lootz. Es ist der Corte Atalaya, ein Überrest der Kupferminen von Riotinto. Sein vergiftetes Grundwasser ist eine Wunde in der andalusischen Landschaft.

Die Welt schaut zurück

Solche Verwüstungen deutet Lootz als «negative Skulpturen». Auf der Grand Tour bestaunten Angehörige der Oberschicht einst die wichtigsten Denkmäler Europas. Die Bergwerke als Grundlage ihres Reichtums übersahen sie. «Sie sind die Unterwäsche der Geschichte», sagt die Künstlerin. Ohne Raubbau an der Natur gäbe es unsere Gesellschaft nicht; Smartphones wären ohne den Abbau seltener Erden undenkbar. Die Bergwerke sind für Lootz das Verdrängte, so, wie die Frau jahrhundertelang in der Kultur übersehen geblieben sei.

Eine Möglichkeit für ein Umdenken findet Lootz bei Jacques Lacan. Der Psychoanalytiker erklärte die Idee des souveränen Betrachters zur Illusion: «Der Betrachter sieht nicht nur, er wird auch von allen Seiten gesehen. Wir schauen die Welt an, aber die Welt schaut zurück.» Ein Prinzip, das ihr Schaffen durchdringt. So endet eine Ausstellung, die nichts Erbauliches an sich hat, sondern Verluste zeigt, aus denen vielleicht Neues entstehen kann. Und die eine Künstlerin vorstellt, deren Stimme selbst im Alter so ungezähmt wirkt wie ein unbegradigter Fluss. Bleibt zu hoffen, dass sie noch lange und unerschrocken weitergräbt.

«Eva Lootz», Kunsthaus Baselland, bis am 25. Januar 2026

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