Grosses Theater ums Heiraten

Die Theaterbühne Münchenstein spielt Nicolai Gogols «Die Heirat». Dazu wird wie immer ein passendes Menü serviert.

Stilgerecht: Das Ensemble der Theaterbühne Münchenstein steigt für «Die Heirat» in Klamotten aus dem 19. Jahrhundert. Foto: zvg
Stilgerecht: Das Ensemble der Theaterbühne Münchenstein steigt für «Die Heirat» in Klamotten aus dem 19. Jahrhundert. Foto: zvg

Während die einen jahrzehntelang nach der besseren Hälfte suchen und keine finden, haben andere die Qual der Wahl. Letzteres gilt für Agafja Tichonowna, begehrte Braut in der Komödie «Die Heirat», welche aktuell von der Theaterbühne Münchenstein inszeniert wird. Die Premiere fand am vergangenen Freitag statt und von morgen Freitag bis am Donnerstag ist das Stück noch fünfmal im Theatersaal der Rudolf Steiner Schule zu sehen. «Die Heirat» ist nicht ein klassischer Schwank, sondern eine Groteske, die durch geistreiche und witzige Dialoge überzeugt: Tichonowna unterhält sich etwa mit der Heiratsvermittlerin Fjokla Iwanowna über Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Heiratsbewerber – hat der eine zu dünne Beine, ist der andere so stattlich gebaut, dass er kaum durch eine Tür passt. Interessant auch zu sehen, dass Dicksein im 19. Jahrhundert eher als Vorzug denn als Nachteil galt – wer etwas auf den Rippen hat, muss wohlhabend sein.

Uraufführung in St. Petersburg

Gogol, der anno 1809 geborene russische Schriftsteller ukrainischer Herkunft, erzählt in «Die Heirat» die Geschichte des trägen Hofrats Podkoljesin, ein sympathischer Zauderer, der sich mit Händen und Füssen gegen die Versuche seines Freundes Kotschkarjow wehrt, ihn in den sicheren Hafen der Ehe zu führen. Angesichts der illustren Konkurrenz scheint dem Zauderer das Unterfangen aussichtslos, doch mit Geschick und Raffinesse bugsiert der Freund alle Bewerber aus dem Feld. Natürlich kommt es auch in diesem Stück ganz anders, als man denkt. Gogols Komödie wurde 1842 in St. Petersburg uraufgeführt und wurde dort ein grosser Erfolg. In all seinen Geschichten zeichnete Gogol feinsinnig und kritisch gesellschaftliche Zustände und menschliche Schwächen. Seine letzten Jahre waren allerdings von geistigem und körperlichem Verfall überschattet: Im Anfall eines religiösen Wahns verbrannte er eigene Manuskripte. Er starb 1852 in Moskau an den Folgen einer religiös motivierten Fastenkur.

Sprechstück ersten Ranges

«Das Stück bietet viele Parallelitäten zu heute. Stichworte sind etwa Tinder, Heiratsstrafe und Individualbesteuerung sowie natürlich allerlei gesellschaftliche Konventionen, die vom Format anders, aber letztlich immer denselben Background haben», sagt Marie-Louise Lienhard Ullrich, die bereits zum fünften Mal bei der Theaterbühne Münchenstein Regie führt. Die Komödie Gogols gelte als Sprechstück ersten Ranges, «was für eine Laientruppe immer eine Herausforderung darstellt, weil nicht nur gespielt, sondern auch die Kunst des Dialogs gepflegt werden muss».

Das Ensemble hat während sechs Monaten bis zu zwei Proben pro Woche abgehalten. Lienhard Ullrich ist Schauspielerin, Theaterpädagogin und Regisseurin an verschiedenen Theatern in Deutschland und in der Schweiz. Wie immer bei den Aufführungen der Theaterbühne Münchenstein gibt es auch diesmal mit Borschtsch, dem Nationalgericht der Ukraine, ein zum Stück passendes Menü. Der Verein Theaterbühne Münchenstein wurde 2022 von Mitgliedern des Theaters Münchenstein und der Werkbühne Münchenstein gegründet. Die Theaterbühne führt ihre Stücke nicht nur in der Rudolf Steiner Schule auf, sondern probt auch dort. Neun Darstellerinnen und Darsteller stehen diesmal auf der Bühne.

«Die Heirat», Fr., 24. 4., u. Sa., 25. 4., 20 Uhr, So., 26. 4., 17 Uhr, Mi., 29. 4., u. Do., 30. 4., 20 Uhr. Restauration: ab 18.30 Uhr, sonntags ab 15.30 Uhr. Rudolf Steiner Schule, Gutenbergstrasse 1. Weitere Infos u. Tickets: www.theaterbühnemünchenstein.ch

Weitere Artikel zu «Münchenstein», die sie interessieren könnten

Brachland: Das Areal der ehemaligen Chemiefirma vanBaerle ist seit längerer Zeit ungenutzt.  Fotos: Tobias Gfeller
Münchenstein16.09.2026

Eine ungewöhnliche «Charmeoffensive»

Die Halter AG als Entwicklerin des vanBaerle-Areals lanciert eine Informationskampagne und lädt die Bevölkerung zum Dialog ein. Der Gemeinderat wurde über das…
Selten so gut besucht: Münchenstein stimmte 2014 gegen einen Einwohnerrat.Foto: Archiv / Juri Junkov
Münchenstein16.09.2026

Das Ende einer demokratischen Urform?

Die Gemeindeversammlung soll allen offenstehen – doch nur ein kleiner Teil der Stimmberechtigten nimmt teil. Münchenstein diskutiert deshalb über die Einführung…
Freuen sich auf die Opening Night: (von links) Arlette Graf, Jonas Zuber und Florian Zumkehr auf der Terrasse des Stockwerk 1. Foto: Nicolas Blust
Münchenstein09.09.2026

«Der erste Stock ist erwachsener geworden»

Sam Himself weiht heute das Stockwerk 1 auf dem Walzwerk ein. Das neue Kulturlokal soll auch ein Ort sein, wo Neues ausprobiert werden kann.