Ein Schicksal aus Münchenstein, das den Vergessenen eine Stimme gibt
Boris Oppliger (1934–2025) leistete mit der Veröffentlichung seiner Memoiren als Pflege- und Verdingkind einen Beitrag zur Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte.
Über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg wurden die Traumata und das Elend, das die gross angelegte Praxis der behördlichen Fremdunterbringung in der Schweiz verursachte, nur wenig bis gar nicht aufgearbeitet. Vor allem seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts, teilweise bis tief in die 1960er-Jahre hinein, gab es viele Zehntausende, laut einigen Quellen über hunderttausend Verdingkinder. Betroffen waren besonders Kinder aus armen Familien, Waisen oder Kinder, deren Eltern aus damaliger Sicht der Behörden nicht für sie sorgen konnten.
Die Kinder sollten in der Theorie besser versorgt und erzogen werden – in der Praxis wurden sie jedoch als fast rechtlose Arbeitskräfte eingesetzt und ausgebeutet. Verteilt wurden die Kinder teils unter marktähnlichen Zuständen, bei denen an diejenigen Pflegefamilien vermittelt wurde, die am wenigsten Geld für ihre Versorgung verlangten. Häufig landeten die fremdplatzierten Kinder auf Bauernhöfen, wo sie schuften und im Stall schlafen mussten und nicht selten auch misshandelt und geschlagen wurden. Dieses schreckliche Schicksal thematisierte Jeremias Gotthelf bereits im Jahr 1837 in seinem bekannten Roman «Der Bauernspiegel», der fiktiven Autobiografie eines Verdingbuben. Doch bis sich eine breitere Öffentlichkeit dieser Menschenunwürdigkeit annahm, verging eine lange Zeit.
Kinoerfolg machte das Thema in der Öffentlichkeit sichtbar
Einen durchaus wichtigen Beitrag zur öffentlichen Aufarbeitung leistete der Spielfilm «Der Verdingbub» (2011) von Regisseur Markus Imboden, der die Geschichte des Waisenkindes Max zeigt und mit weit über 200000 Kinoeintritten zu einer der erfolgreichsten Schweizer Produktion zählt. In den letzten Jahren erschienen zudem mehrere Dokumentarfilme zum Thema wie «Verdinger» (2020) oder «Nebelkinder» (2025), welche die Erinnerung ebenfalls wach behielten. Ein Meilenstein war die «Wiedergutmachungsinitiative» aus dem Jahr 2014, die eine grosse öffentliche Aufmerksamkeit schuf.
Vor kurzem erschien mit dem Buch «Heimwege – Geschichte einer gestohlenen Jugend» ein weiteres Puzzlestück im Gesamtbild der Aufarbeitung. Und dieses stammt aus der Feder des Münchensteiner Autors Boris Michael Oppliger, der im September 2025 im Alter von 91 Jahren verstarb und somit die finale Veröffentlichung seiner Memoiren nicht mehr miterleben konnte. In diesen erzählt er auf 488 Seiten, die mit seinen Tagebucheinträgen und zeitgenössischen Fotografien gefüllt sind, sein Aufwachsen als Pflege- und Verdingkind in den 1940er- und 1950er-Jahren.
Nach dem Tod der Mutter wurden Boris Oppliger und sein Bruder von ihrem Vater verlassen und wuchsen getrennt voneinander in mehrfach wechselnden Heimen und Erziehungsanstalten auf, die sich über die Kantone Aargau, Baselland, Bern und Solothurn erstreckten. Entgegen allen Umständen schaffte der als stets lebensfroh beschriebene Oppliger mit dem Berufsabschluss zum Möbelschreiner den Sprung in ein selbstbestimmtes Leben und verliess die Schweiz im Alter von 19 Jahren auf damals unbestimmte Zeit.
Schreiner, Bildhauer, Maler und nun auch Autor
In seinem späteren Berufsleben eröffnete er zu Beginn der 1970er-Jahre eine eigene Antikschreinerei in Münchenstein, die er mit viel Hingabe zusammen mit der Unterstützung seiner Frau bis zur Pensionierung mit 70 Jahren führen konnte. Seine künstlerische Begabung lebte er zudem als passionierter Maler und Holzbildhauer aus, womit er regelmässig Teil von lokalen und regionalen Ausstellungen war.
Mit seiner lyrischen Ader und der Veröffentlichung von «Heimwege» im Verlag Baselland erzählt der Münchensteiner nicht nur die Geschichte seiner gestohlenen Jugend, sondern zeigt den bewundernswerten Akt, an den tragischen Erlebnissen in der Kindheit nicht zerbrochen zu sein und ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben aufgebaut zu haben.






