Dystopie und Zukunftsoptimismus

Die Ausstellung «Neue Rituale (für das Ende der Welt)» wirft einen Blick auf apokalyptische Zukunftsvorstellungen und gesellschaftliche Krisenbewältigung. Die Ausstellung untersucht, wie mit dem Gefühl eines möglichen «Endes der Welt» umzugehen ist.

Zwischen Technologie und Spiritualität: die Ausstellung «Neue Rituale» im Haus der elektronischen Künste. Fotos: zvg / hek

Zwischen Technologie und Spiritualität: die Ausstellung «Neue Rituale» im Haus der elektronischen Künste. Fotos: zvg / hek

Angst vor Apokalypsen: Die Kunstschaffenden interpretieren rituelle Praktikenals Bewältigungsstrategien innerhalb von Gesellschaften.

Angst vor Apokalypsen: Die Kunstschaffenden interpretieren rituelle Praktikenals Bewältigungsstrategien innerhalb von Gesellschaften.

Gesellschafts- und gegenwartskritisch positioniert sich das Haus der elektronischen Künste (HEK) in seiner neuen Ausstellung und findet drastische Worte: Die Rede ist von einem «live übertragenen Genozid», von «Kettensägen schwingenden Faschisten im Weissen Haus» und der «Verehrung von KI wie einer Gottheit». Doch so düster, wie die Wortwahl vermuten lässt, soll es nicht zugehen, beschwichtigt die Kuratorin Marlene Wenger, die die Ausstellung gemeinsam mit Anan Fries konzipierte.

Die Ausstellung versteht das «Ende» nicht nur als konkrete Katastrophe, sondern auch als Bruch mit vertrauten Systemen und Ordnungen. Viele Kulturen hätten Apokalypsen gekannt, so Wenger, entscheidend sei jedoch weniger der Untergang selbst als die Frage, wie Gesellschaften darauf reagierten. Gerade in solch grossen Umbrüchen können gemäss Wenger nämlich auch Chancen liegen.

«Solange wir uns Geschichten erzählen»

In der Ausstellung interpretieren internationale Künstlerinnen und Künstler verschiedene rituelle Praktiken innerhalb von Gesellschaften als Bewältigungsstrategien, die in einer Verbindung zwischen Technologie und Spiritualität bestehen. Damit will die Ausstellung erörtern, welche neuen Mythologien uns helfen, das Ende der Welt zu ertragen. «Solange wir uns Geschichten erzählen, oder anders gesagt, solange wir Imagination haben, geht es irgendwie weiter», erklärt Wenger ihre Auffassung hinter der Ausstellung. Das sei das Motiv, unter dem diese Ausstellung stehe. Deshalb gehe es keinesfalls nur um dystopische Zukunftsvorstellungen, sondern im Besonderen auch darum, einem gewissen Zukunftsoptimismus Ausdruck zu verleihen. Die Idee zu dieser Beschäftigung mit Ritualen sei bei Wenger und Fries unabhängig voneinander entstanden. Beide hätten ursprünglich eine Veranstaltung dazu durchführen wollen – Wenger eine Ausstellung, Fries habe vor allem an Festivals gedacht. Durch den gegenseitigen Austausch jedoch habe sich die Grundidee bis zur fertigen Ausstellung weiterentwickelt.

Reinigungsrituale und geführte Meditation

Der besondere Fokus der Ausstellung auf die Verbindung zwischen Technologie und Spiritualität zeichnet sich schon am Eingang der Ausstellung ab mit einem Werk des in London lebenden Künstlers Zach Blas. Angelehnt an die Beweinung Christi, werden dort mittels Augmented Reality der Gottheit «Lacrimae», eines Tränengottes, virtuelle Tränen geopfert. Das Werk, das den Namen «576 Tears» trägt, soll damit die Vergötterung von künstlicher Intelligenz thematisieren, die insbesondere in Silicon Valley praktiziert werde, und diese kritisieren. Auch Reinigungsrituale sollen Besucherinnen und Besucher durchlaufen.

Die von Fries neu geschaffene Skulptur «Purgatorio» soll das Mobiltelefon der Besucherinnen und Besucher von «technofaschistischen Energien» reinigen, womit nicht nur das Gerät, sondern insbesondere auch der Körper, auf dem es getragen wird, geschützt werden soll. Mit diesem Objekt stellt Anan Fries vor allem den Umgang, den Menschen mit ihren Geräten pflegen, in Frage. Eine letzte Etappe durchlaufen Besucherinnen und Besucher letztlich in Robin Meier Wiratungas immersiver Soundinstallation, die einer meditativen Auseinandersetzung mit dem Ende des Universums im planetarischen Kontext gewidmet ist.

Die Ausstellung «Neue Rituale (für das Ende der Welt)» wird am Freitag, 8. Mai, um 19 Uhr im Haus der elektronischen Künste in Münchenstein eröffnet und ist bis zum Sonntag, 9. August, zu sehen.

«Solange wir uns Geschichten erzählen, geht es irgendwie weiter.»

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