«Die Natur ist brutal, sie ist keine Bambiwelt»
Die Ansprüche an den Wald sind hoch. Dazwischen stehen die Jägerinnen und Jäger, die alle Probleme lösen sollen. Der Jagdaufseher appelliert an die Eigenverant-wortung.

«Das Bild des Jägers alleine auf dem Hochsitz: Das ist vorbei!», sagt Patrick Grosheny, Jagdaufseher von Münchenstein. Denn ein Jäger ist heute nicht mehr eine Person, die mit einem Gewehr auf die Pirsch geht, sondern eher ein Dienstleister und vor allem ein Aufklärer. Die Wildtiere sind nicht die Einzigen, die den Wald gerne für sich hätten. Mittlerweile sind viele Erholungssuchende, Biker, Reiterinnen oder Spaziergänger mit Hund ebenfalls im Wald. Alle zusammen kommen den Interessen des Waldes oder der Landwirtschaft ins Gehege.
«Die Jagd soll im Versteckten passieren. Das geht aber leider nicht», sagt Grosheny. Doch wenn eine Jägerin oder ein Jäger mit der Waffe auf einen Hochsitz steige, seien die Leute verunsichert. «Sie vergessen, dass wir einen gesetzlichen Auftrag haben», erinnert der Jagdaufseher. Gleichzeitig zeigt er Verständnis für Jagdgegner: «Ich kann akzeptieren, dass sie eine andere Meinung haben.»
Die Jagd sorgt für ein Gleich-gewicht
Das Spannungsfeld ist aber noch grösser, denn auch Förster und Bauern haben Ansprüche an die Jagdaufsicht sowie die Jägerinnen und Jäger. Bei zu vielen Wildtieren leidet der Forst. Bäume, Sträucher und Stauden werden verbissen. Auf einem Feld sorgten beispielsweise Wildschweine für grosse Schäden in der Landwirtschaft, worauf die Bauern hinwiesen. Um eine Wildsau zu erlegen, müsse ein grosser Aufwand betrieben werden. Nicht alle Jäger seien jederzeit verfügbar. Andererseits müsse der Kanton bei grossen Schäden zahlen. «Die Interessen gehen auseinander», bilanziert Grosheny.
Es brauche die Jagd, um ein Gleichgewicht auf der Waldfläche herzustellen, sagt der Jagdaufseher. Sonst würden Krankheiten wie die Rüde oder die Staupe ausbrechen: «Wir müssen zwischendurch dezimieren, sonst gehen die Tiere ein», erklärt Grosheny.
Druck auf den Wald üben auch Spaziergängerinnen und Spaziergänger aus. Sie sollen die Wege nicht verlassen und Hunde an der Leine führen. Das Verständnis dafür sei nicht immer da, aber: «Es ist besser geworden», so Grosheny. Die Vierbeiner sollten in der Brut- und Setzzeit auch nicht auf den Feldern herumrennen, denn die Rehkitze werden von den Rehen auf dem Feld versorgt. Sie könnten durch Hund gestört werden. Eine Wildruhezone ist ausgeschildert. «Leider halten sich nicht alle daran.» Grosheny wünscht sich ausserdem, dass ab 22 Uhr im Wald Ruhe einkehrt, damit sich das Wild erholen kann.
Anfragen auch per Telefon
Um Jägerin oder Jäger zu werden, muss eine aufwendige Prüfung absolviert werden. Anschliessend sind im Schiessstand regelmässig «Treffsicherheitsnachweise» zu schiessen. Rund 10 000 Franken kostet die Ausrüstung, neben dem Gewehr vor allem Nachtsichtgeräte. «Zusätzlich benötigt man ein Auto und sollte das Telefon immer dabei haben», ergänzt Grosheny.
Rund 56 Einsätze zählte der Wildhüter im letzten Jahr. Dazu werden viele Anliegen per Telefon erledigt. «Die Menge hat zugenommen», bilanziert der Jagdaufseher. Da klingle es schon mal wegen einer Ente, die hinke. «Schlussendlich bleibt sie liegen.» So komme der Fuchs und hole sie. «Die Natur ist brutal, sie ist keine Bambiwelt», stellt Grosheny immer wieder klar. Er fordert mehr Eigenverantwortung von der Bevölkerung. Einen toten Vogel könne man etwa getrost ins Gebüsch werfen oder bei der Tierkadaverstelle im Werkhof abgeben.
Sollte ein Eichhörnchen beginnen, im Dach ein Nest zu bauen, solle sofort gehandelt werden. «Dann gibt es keine Jungen, die aus dem Nest fallen», erklärt er. Leider, so konstatiert Grosheny, hätten die Leute keine Beziehung mehr zu Wildtieren, etwas, das in eher städtischen Regionen zunehmend zu beobachten sei. Trotzdem siedeln sich Wildtiere immer mehr in Stadtnähe an.
«Wir müssen zwischendurch dezimieren, sonst gehen die Tiere ein.»


