Eine Gempner Familie gibt Vollgas

Michael Sauter fährt in der zweiten Saison Formel 4. Der 18-jährige Gempner hat kein Profiteam hinter sich, dafür seine Familie, die sich mit Leidenschaft für den Erfolg des jungen Rennfahrers einsetzt.

Teilen die Leidenschaft für den Rennsport: Fahrer Michael Sauer (Mitte), Mutter Miyuki (l.), Grossvater Roland (hinten l.), Vater Stephan und Michaels Schwester Karin. Fotos: Fabia Maieroni

Teilen die Leidenschaft für den Rennsport: Fahrer Michael Sauer (Mitte), Mutter Miyuki (l.), Grossvater Roland (hinten l.), Vater Stephan und Michaels Schwester Karin. Fotos: Fabia Maieroni

Konzentriert: Michael Sauter fokussiert sich ganz auf die kommenden dreissig Minuten auf dem Ring.

Konzentriert: Michael Sauter fokussiert sich ganz auf die kommenden dreissig Minuten auf dem Ring.

Eine Traube von Männern steht um das Formel-4-Auto. Die roten Teamanzüge sitzen wie angegossen, die Aufschrift «Ferrari Driver Academy» glänzt auf dem polierten Rennwagen. In den Boxen stehen aufwendig eingerichtete Abtrennungen, die Namen der vier Fahrer strahlen von den Wänden. Jeder hat einen eigenen Mechaniker und einen Renningenieur an seiner Seite. Das Prema-Team gilt als Favorit. Hier wird ein Reifendruck gemessen, dort ein Wert in einen Computer einge­lesen. Der Fahrer erhält letzte Tipps. Bald  startet das erste Rennen auf dem Nürburgring, einer der bekanntesten Rennstrecken der Welt. Es wird das letzte Rennwochenende in der ADAC-Formel-4-Wertung sein.

Die Prema-Ingenieure werfen einen kurzen Blick zur Konkurrenz in der Box nebenan. Dort sitzt Stephan Sauter gerade auf dem Auto und bespricht mit seinem Sohn Michael die Ausrichtung der Rückspiegel. Team-Anzüge gibt es hier nicht, Papa Sauter trägt an diesem nasskalten Oktobermorgen einen Faserpelz mit aufgesticktem Sauter-Logo. Zur Abtrennung der Boxenbereiche muss ein altes Festzelt herhalten. Funktional ist hier das Motto. Das Team – eine Familienangelegenheit. Stephan Sauter ist Vater, Mechaniker und Renningenieur in einem, Grossvater Roland Sauter kümmert sich um die Reifen und den Rennverlauf, Mutter Miyuki ist Teammanagerin, Michaels Schwester Karin hilft, wo immer sie gerade gebraucht wird. «Ich möchte kein Rennwochenende missen», sagt Karin, die selbst Kart-Rennfahrerin war, «denn man weiss nie, wann es das letzte war.»

«Mi Härz isch stoh blibe!»

Die elf 180-PS-starken Formel-4-Autos, die ihren grossen Brüdern aus der Formel 1 bis auf die Grösse recht ähnlich sind, fahren auf ihre Startplätze. Sauter steht auf Platz 9. Vom Streckenrand aus verfolgt die Familie den rasanten Start, Vater Stephan ist per Funk mit Michael verbunden.

Während die Teams neben den Sauters das Renngeschehen auf eigenen Bildschirmen verfolgen können, muss sich die Familie mit dem stark verzögerten Livestream begnügen. Das Gempner Team ist ein sympathischer Exot zwischen den professionellen Teams.

«Jesses, hesch das gseh? Mi Härz isch stoh blibe!», ruft Grossvater Roland auf einmal aus, als Michael Sauter auf der Zielgeraden mit mehr als 200 Stundenkilometern von seinem Konkurrenten so abgedrängt wird, dass er der Wand nahe kommt. Rennsport ist gefährlich. Das weiss auch Stephan Sauter, der das Geschehen mit einer Mischung aus unendlichem Stolz und etwas Sorge um seinen Sohn verfolgt. Mutter Miyuki ist da pragmatischer: «Ich habe nie Angst um meinen Sohn», sagt sie und lacht. Eigentlich würde sie eher selbst gerne mitfahren.

Motorsport liegt in den Genen

Geht es um Motorsport, dürfte der Name Sauter dem einen oder anderen geläufig sein. Michaels Urgrossvater, Kurt Sauter, war selbst Rennfahrer. Bereits Ende der 1940er-Jahre konzipierte er in seiner Werkstatt an der Klingentalstrasse 77 in Basel seinen ersten eigenen Sportwagen. Hier, auf dem Nürburgring, fuhr er Anfang der Fünfzigerjahre selbst Rennen. Weil der Motorsport jedoch gefährlich war, hängte Kurt Sauter 1953 seine Rennkarriere an den Nagel und konzentrierte sich voll auf den Bau von Rennautos der Marke «Sauter Spezial». 1962 zog Kurt Sauter mit seiner Werkstatt nach Gempen. 1965 ging der letzte Rennwagen in Produktion.

Noch immer sind Sauters mit drei Firmen in Gempen ansässig. In der Carrosserie der Familie macht Formel-4-Fahrer Michael Sauter eine Lehre als Carrosserie­spengler.

Alles begann im Kart

Michael Sauter erhielt seinen ersten Kart mit sieben Jahren zu Weihnachten geschenkt. Seither ist er auf der Rennstrecke zu Hause. 2014 holte sich der junge Rennfahrer mit einem Minikart seinen ersten Meistertitel. Es folgten unter anderem ein Vizemeistertitel in der Schweizer Kart-Meisterschaft 2017 und ein 5. Rang im IAME World Championship Final. 2021 stieg Michael Sauter in die Formel 4 ein und sicherte sich den zweiten Rang in der Rookie-Wertung (Beginnerwertung).

Ein Vorbild aus der Formel 1 hat Sauter nicht. «Das sind alles auch nur Menschen», sagt der junge Rennfahrer. Auch die weltberühmte Strecke, auf der er an jenem Wochenende seine Saison abschliesst, beeindruckt ihn nur wenig: «Es ist eine geteerte Strasse, wie eine andere auch», sagt er überraschend unaufgeregt.

Dennoch: Die Begeisterung für den Sport ist beim heute 18-Jährigen seit ­Kindertagen ungebrochen. «Es macht einfach Spass! Die Atmosphäre, das Überholen, die Geschwindigkeit, einfach alles», sagt Michael Sauter mit glänzenden Augen.

Sauter kann sich behaupten

Nach einer halben Stunde ist das erste Rennen am Samstag zu Ende. Michael Sauter hat sich vom neunten auf den sechsten Rang vorgekämpft. Ein gutes Resultat, zumal Michael wegen des engen Budgets nur einmal im Jahr wirklich trainieren kann. Im Gegensatz dazu trainieren seine Kontrahenten mehrmals pro Woche.

Mehrere hunderttausend Franken zahlt ein Fahrer der grossen Teams für eine Saison. Michael Sauter kann da nicht mithalten. Die Kosten für das etwa 70000 Franken teure Auto und die Saisongebühren in der Höhe von 12000 Franken trägt die Familie.

Das Rennwochenende auf dem ­Nürburgring endet am Sonntag mit dem Saisonsieg des 16-jährigen Andrea Kimi Antonelli, ein Fahrer des Favoriten ­Prema.

Michael Sauter fährt auf Rang 13 von 19 in der Saisonwertung. Die Familie ist stolz auf ihn, er jedoch ärgert sich noch über einen Fehler im zweiten Rennen. Trotzdem scheinen die Rennchefs anderer Teams Interesse am jungen Talent zu zeigen. Doch ohne Sponsor ist ein Wechsel in ein Profiteam unmöglich.

So hofft Michael Sauter darauf, einen Geldgeber zu finden, um den Sprung in die nächste Klasse zu schaffen. Denn die Familientradition kann nur so einen Schritt weitergehen.

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