Macher, Abenteurer und «Schweizer Dickschädel»

Das Arlesheimer Streetworker Kinderhilfswerk Brasilien will Jugendliche vor Ort helfen, von der Strasse wegzukommen. Peter Rieser ist der Kopf dahinter.

Hat ein grosses Herz für Kinder: Koch und Entrepreneur Peter Rieser.  Foto: Axel Mannigel
Hat ein grosses Herz für Kinder: Koch und Entrepreneur Peter Rieser. Foto: Axel Mannigel

Wenn Peter Rieser erzählt, wird die Geschichte lebendig. Der gelernte Konditor berichtet mit Engagement und Leidenschaft, die Augen funkeln und immer ist ein Lächeln zu sehen, auch bei den weniger schönen Erlebnissen. Wahrscheinlich hätte es Rieser ohne diese Positivität auch nicht geschafft. Er ist ein Macher, ein «Schweizer Dickschädel», wie er selber sagt. Und eine Art Abenteurer. Denn was er heute mit dem Streetworker Kinderhilfswerk Brasilien erreicht hat und noch erreichen will, hat seinen Anfang kurz nach der Ausbildung genommen. Damals war Rieser 25 Jahre alt und wollte in die Welt hinaus: «Köche reisen ja gerne.» Er arbeitete sieben Jahre in der Gastronomie auf den Kanaren und danach in der Algarve in Portugal. Dort verliebte er sich in eine Brasilianerin und als diese irgendwann wieder nach Hause wollte, ging Rieser mit. In Recife im Nordosten Brasiliens fand er «optimale Bedingungen» vor. 1992 kamen viele deutsche und auch Schweizer Touristen dorthin, denen Rieser als Touristenführer Land und Leute zeigte. Eines Tages entdeckte er in einem Touristenort etwas abseits von Recife eine verlassene Villa, die er als Restaurant und Herberge mieten konnte.


Die Pistole an der Schläfe
Die Jahre vergingen wie im Flug. «Es gab immer viel zu tun», lacht Rieser. «Wir veranstalteten in der Villa häufig Hochzeiten und in Brasilien kommen bei so was gerne auch über 1000 Leute.» Nach sechs Jahren wechselte der umtriebige Gastronom in einen urchigen Strandpavillon, wo er nur noch Tagesgeschäft betrieb. Acht Jahre ging alles gut, dann machten ein Sturm und meterhohe Wellen dem Traum ein Ende.

Rieser und seine Frau standen vor dem Nichts. Doch da sie sehr beliebt und bekannt waren, entschlossen sie sich fürs Weitermachen, plünderten die Altersvorsorge und machten in einem kleinen Fischerdorf wieder ein Restaurant auf. «Bei mir brummte der Laden. Das merkten leider nicht nur die Gäste», erinnert sich der Wirt an ein dunkles Kapitel. Immer öfter kamen Jugendbanden im Drogenrausch und nahmen mit, was sie kriegen konnten, Geld und Wertsachen, aber auch das ganze Fleisch und alle Getränke. In dieser Zeit wurde Rieser neunmal die Pistole an die Schläfe gehalten. Im Dezember 2015 war er pleite und hatte genug: «Ich bin zwar kein sensibler Typ, aber das hat gereicht.» Nach 28 Jahren in Brasilien kehrte der Gastro-Unternehmer in die Schweiz zurück und suchte nach neuen Wegen.


Foodtrucks mit Jugendlichen
Obwohl er gerade von Jugendlichen schachmatt gesetzt worden war, war für Rieser klar, dass ihnen geholfen werden muss: «Gefängnis ist keine Option. Da kommen sie schlimmer wieder heraus, als sie hineingekommen sind.» Die anfängliche Wut wandelte sich in den Wunsch, selbst für die Jugendlichen in Brasilien aktiv zu werden. Seit 2015 hielt sich Rieser als Flüchtlingsbetreuer über Wasser und entwickelte nebenher seine Idee. Diese besteht konkret darin, im Grossraum Recife Jugendliche nach der Schulzeit auf Foodtrucks (mobilen Küchen) einzusetzen und sie so im Gastrobereich auszubilden. Rieser hat die Erfahrung und die Kontakte, er kennt sich aus. 90 Prozent des Projekts sind finanziert und wäre Covid-19 nicht gekommen, wäre Rieser schon längst drüben und hätte es gestartet. Das ist jetzt für Anfang 2021 geplant. Die Zwischenzeit nutzt der Streetworker für Info-Veranstaltungen, Networking und die Präsentation seines Vereins. So wie etwa letzten Freitag in der «Trotte» für die Christlichen Geschäftsleute Schweiz.

www.streetfoodbrasil.ch

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