Arlesheim, das Osmanische Reich und die Lehren aus der Geschichte
Was die Schappefabrik und die Elektrizitätsgesellschaft Alioth AG mit dem Osmanischen Reich zu tun haben, zeigten Historiker bei Uptown Basel auf. Das Unter-nehmen will die Erfolgsgeschichte des Areals weiterschreiben.

Wenn Uptown Basel einlädt, kommen hochrangige Gäste aus Politik und Wirtschaft gerne. Das mag an der rasanten Entwicklung des Areals liegen, das dem Kanton mit dem Zuzug von Straumann neben Renommee auch einen Steuersegen beschert. Vielleicht aber liegt es auch am Apéro, der bereits weitum bekannt sei, wie die Moderatorin des Abends, Désirée Lehmann, schmunzelnd sagte.
Wie dem auch sei: Am Anlass mit dem Titel «Hat Zukunft Herkunft?» setzten sich die Organisatoren mit der Vergangenheit des Areals auseinander. Dabei begannen die Streifzüge durch die Geschichte auf dem ehemaligen Schappeareal, etwas weiter südlich an der Birs gelegen. Johann Siegmund Alioth hatte 1830 die erste mechanische Florettspinnerei Kontinentaleuropas auf diesem Gelände errichtet. In dieser Fabrik wurde aus Seidenabfällen die sogenannte Schappe gesponnen. Die Seidenband-Produktion war zu jener Zeit eine der wichtigsten Wirtschaftszweige der ganzen Region.
Historiker Yiğit Topkaya zeigte in seinem Vortrag auf, wie die Basler Seidenfabrikanten vernetzt waren in der Welt. Vor drei Jahren veröffentlichte Topkaya ein Buch über den Seidenhandel zwischen Basel und dem Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert.
Die Basis seiner Forschung bilden Hunderte Briefe, die der Historiker zufällig in einem Archiv entdeckt hat. Die Korrespondenzen, die zwischen 1820 und 1910 versandt wurden, zeigen die engen Handelsbeziehungen zwischen den Basler Kaufmanns- und Handelsfamilien zum Osmanischen Reich – beziehungsweise zur osmanisch-levantinischen Geschäftswelt. Zwar bezogen die Fabriken ihren Rohstoff vornehmlich aus Italien und Frankreich. Doch als sich dort die Seidenraupenkrankheit ausbreitete, verschob sich der Markt in den Osten.
Auch die Familie Alioth pflegte Beziehungen zum Osmanischen Reich, wie Topkaya im Referat aufzeigte. Bis 1881 war die Schappefabrik ein Familienunternehmen. Doch wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten wurde der Familienbetrieb liquidiert, und eine Aktiengesellschaft – die Industriegesellschaft für Schappe – übernahm den Betrieb. 1977 wurde sie geschlossen.
Die Schappefabrik stand zwar nicht auf dem Boden des heutigen Uptown-Areals, dennoch ist sie mit diesem Landflecken historisch verknüpft: So war es ein Spross der Familie Alioth, der zusammen mit Emil Bürgin in den 1880er-Jahren eine Fabrik für elektrische Motoren, Apparate und Lokomotiven in Basel gründete. Ludwig Rudolf Alioth, ein Enkel Johann Siegmunds, war zusammen mit seinem Vater aus der Schappespinnerei ausgeschieden und wandte sich der neuen Elektrizitätsindustrie zu. Alitoth entwickelte das Unternehmen zur Elektrizitätsgesellschaft Alioth AG und verlegte den Sitz im Jahr 1885 nach Münchenstein. Ein Jahr später kaufte er jenes Areal, auf dem heute das Industriezentrum für Techfirmen Uptown Basel entsteht. Auf dem 40000 Quadratmeter grossen Gelände im Arlesheimer Tal baute Alioth die damals grössten Fabrikhallen der Region.
1911 verkaufte Alioth das Unternehmen an die Brown Boveri & Cie (BBC). Die Produktion in Arlesheim endete 1988.
Digitalisierte Briefe
In einem Referat von Daniela Zetti, der Leiterin des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich, erfuhren die Anwesenden, wie historische Dokumente – wie etwa jene Briefe, die Topkaya gefunden hat – digitalisiert und damit einfach zugänglich gemacht werden können. Mithilfe künstlicher Intelligenz sei es möglich, Tausende von Digitalisaten mittels Stichworteingaben zu durchforsten. Zusammen mit Topkaya und Arealentwickler Hans-Jörg Fankhauser diskutierte sie anschliessend in einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von Ex-SRF-Moderator Reto Lipp über die zentrale Frage des Abends: Hat Zukunft Herkunft? Die Idee der Veranstalter war es, einen Bogen vom Erfolg der Familie Alioth auf dem Gelände zur rasanten Entwicklung von Uptown Basel zu schlagen. Familiäre Verbindungen gab es jedenfalls: So war der Patenonkel von Uptown-Basel-Investor Thomas Staehelin ein Alioth – Staehelin war als Kind in der Schappe regelmässig zu Besuch, wie die Anwesenden erfuhren.
«Trampelpfade von Arlesheim in die Welt bestehen heute noch»
Topkaya unterstrich die Bedeutung des internationalen Netzwerks zwischen Basler Handelsfamilien und internationalen Handelsmetropolen im 19. Jahrhundert. Fankhauser nahm den Ball auf und betonte: «Die Trampelpfade von Arlesheim in die Welt haben in der Vergangenheit bestanden und bestehen heute auch.» Aber ob sich die Geschichte wiederholt? Topkaya sagte: «Sie wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Wir können aus der Geschichte immer etwas mitnehmen.» Fankhauser jedenfalls sah klare Parallelen: «Wir glauben an die neuen Technologien und gehen die Risiken, die damit verbunden sind, ein. Das haben die Fabrikanten im 19. Jahrhundert auch gemacht.» Es wird sich zeigen, ob Uptown Basel die Erfolgsgeschichte des Areals weiterschreibt.


