Eine unbestechliche Zeitzeugin des Israel-Palästina-Konflikts

Für den Andrang zur Lesung der palästinensischen Friedensaktivistin und Autorin Sumaya Farhat-Naser war am Freitagabend die Gemeindebibliothek fast zu klein.

Ihre Kraft wurzelt in ihrer Familie, ihrem Glauben und in der Hoffnung: Sumaya Farhat-Naser.  Foto: Thomas Brunnschweiler
Ihre Kraft wurzelt in ihrer Familie, ihrem Glauben und in der Hoffnung: Sumaya Farhat-Naser. Foto: Thomas Brunnschweiler

Thomas Brunnschweiler

Sumaya Farhat-Naser war gekommen, um ihr neues Buch «Im Schatten des Feigenbaums» vorzustellen. Die Tagebuchnotizen, die vom Januar 2008 bis in den Frühling 2013 datieren, schildern den zermürbenden Alltag palästinensischer Bauern, denen von israelischen Siedlern systematisch Land weggenommen wird. Aber auch die bürokratischen Massnahmen der israelischen Militärverwaltung und die verheerenden Folgen der Sperranlage zwischen Cisjordanien und dem israelischen Kernland werden thematisiert. Die promovierte Biologin und vielfach mit Preisen geehrte Friedensaktivistin, die sich als politisch unabhängig bezeichnet und gewaltfreie Kommunikation lehrt, las nicht einfach vor, sondern erzählte frei von ihren Erfahrungen.

So wurde sie einmal an einem der 563 Checkpoints abgewiesen, weil sie einer israelischen Offizierin keinen separaten Passierschein für ihr Kniegelenk aus Titan vorweisen konnte. Sie erzählte von Fällen, bei denen die Leichen von ehemals gefangenen Palästinensern bis zum offiziellen Ablauf der Haftstrafe in Israel zurückgehalten werden – teilweise über Jahre hinweg. Solche absurden Schikanen haben die 1946 in Birzeit bei Jerusalem geborene Frau aber nicht verbittern lassen. Diese Erkenntnis war nebst den beklemmenden und deprimierenden Einzelheiten der Besatzungspolitik Israels vielleicht das Eindrücklichste an diesem Abend.

Gewaltfreier Widerstand
Sätze wie «Die Hoffnung trägt» oder «Jeder Mensch wird mit einem wunderbaren Kern geboren» offenbarten, dass Sumaya Farhat-Naser eine Lösung für alle Beteiligten anstrebt. Sie sieht im Konflikt keine religiöse Problematik, sondern eine reine Folge von machtpolitischen Erwägungen. Den Boykott von Waren aus israelischen Siedlungsgebieten betrachtet sie als legitimen gewaltfreien Widerstand gegen die momentane Politik der israelischen Regierung.

Frau Farhat-Naser wies auch darauf hin, dass es viele israelische Intellektuelle gibt, die solche Boykotte unterstützen. Gegenüber den amerikanischen Vermittlungsversuchen ist sie skeptisch bis desillusioniert. «Ich bin bedrückt, weil ich diese Zeit des Friedens nicht mehr erleben werde», sagte sie. Auf eine Anfrage aus dem Publikum, ob denn nicht auch Israel nach der Erfahrung des Holocausts berechtigte Interessen habe, reagierte die Autorin gereizt: «Wir Palästinenser tragen nicht die Schuld am Holocaust.»

Vielleicht spielt gerade der zwanghafte Drang des Westens, den Opfern beider Seiten stets in ausbalancierter Weise gerecht zu werden, letztlich den Hard-linern in die Hände, die einen rein jüdischen Staat mit nur noch geduldeten Minderheiten wollen. «Viele Politiker in Israel glauben gar nicht an Gott», sagte die gläubige Friedensaktivistin, für die auch eine Einstaatenlösung für Muslime, Christen und Juden eine denkbare Option wäre.

Sumaya Farhat-Naser: Im Schatten des Feigenbaums, Lenos, Basel 2013, 221 S., Fr. 28.50. Erhältlich in jeder Buchhandlung.

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