«Die Schweiz lässt sich für die chinesische Propaganda einspannen»

Barbara Lüthi arbeitete während acht Jahren als SRF-Korrespondentin in China. Auf Einladung der Gemeindebibliothek sprach sie am Mittwoch vor einer Woche über Land und Leute.

China im Herzen: Die langjährige SRF-Korrespondentin Barbara Lüthi erzählt im Gespräch mit Moderator Matthias Zehnder von ihren Erfahrungen im Reich der Mitte.  Foto: Tobias Gfeller
China im Herzen: Die langjährige SRF-Korrespondentin Barbara Lüthi erzählt im Gespräch mit Moderator Matthias Zehnder von ihren Erfahrungen im Reich der Mitte. Foto: Tobias Gfeller

Der Blick von Barbara Lüthi auf China hat zwei Perspektiven: Da ist primär jene als kritische Journalistin, die «die zunehmend totalitären Strukturen» unter dem Präsidenten Xi Jinping anprangert. Es gibt aber auch den Menschen Barbara Lüthi, der mit Leib und Seele an diesem Land hängt. Die SRF-Moderatorin liess keinen Zweifel aufkommen, dass ihr Herz noch immer China gehört, ihr Kopf aber zurück in die Schweiz wollte.

Heute moderiert sie den «SRF-Club» am Dienstagabend. Es war 2014 ein rationaler Entscheid, dem Milliardenvolk den Rücken zu kehren. Ihr Sohn wurde krank. Krank von der schlechten Luftqualität in China. «Er konnte nicht mehr atmen. Wenn er weinte, dann fast geräuschlos.» Als Einzelperson konnte sie mit den Einschränkungen der schlechten Luft- und Wasserqualität und den nicht immer sauberen Lebensmitteln umgehen. «Doch als meine Kinder auf die Welt kamen, änderte sich alles.»


Mehrfach verhaftet

Noch immer steht Barbara Lüthi im Austausch mit Freunden vor Ort. Das «Reich der Mitte» ist stets omnipräsent. Die Zeit in China hat sie geprägt. Es hätte am letzten Mittwochabend in der Mehrzweckhalle des Domplatz-Schulhauses Moderator Matthias Zehnder gar nicht gebraucht, um Barbara Lüthi Anekdoten und Erzählungen zu entlocken. Sie hätte einfach von alleine drauflos gesprochen. Vernehmlich, unerschrocken und immer mit einem Lachen. Mit genau dieser zackig-lauten Art kam sie in China bestens zurecht. Sie erzählte von ihrer Arbeit als SRF-Korrespondentin, von Begegnungen mit Menschen und der Unterdrückung durch den Staatsapparat.

Die Pressefreiheit nahm während ihrer Zeit in China stetig ab. Nach einer kontinuierlichen Öffnung während über zwei Jahrzehnten isolierte der 2012 an die Macht gelangte Xi Jinping das Land komplett. Nirgendwo auf der Welt seien derart viele Journalisten inhaftiert wie in China, erklärte gleich zu Beginn Kathi Jungen, Leiterin der Gemeindebibliothek. Auch Barbara Lüthi wurde mehrfach verhaftet. Während Stunden wurde sie verhört und unter Druck gesetzt. Eine Vereinbarung, nie wieder kritisch zu berichten, unterschrieb sie aber nie. Sie gab auch in diesen Situationen die starke, toughe Journalistin. «Das hat gewirkt, denn Ungehorsam kannten sie nicht», erinnert sie sich heute. Selbst diese haarsträubenden Fälle von eingeschränkter Pressefreiheit erzählte Lüthi mit einem breiten Grinsen und lautem Lachen. Ihre Selbstüberzeugung, in jeder Situation «das Richtige» zu tun, war während den eineinhalb Stunden stets spürbar.


Kritik an Ueli Maurer

Mit dem Projekt der «neuen Seidenstrasse» plant China neue Handelswege nach Europa. Der Schweizer Bundespräsident Ueli Maurer stand vor kurzem in der Schlange anderer Staatschefs, um Chinas Mächtigen die Hand zu schütteln. Barbara Lüthi sieht dieses «Anbiedern» kritisch, auch wenn sie die wirtschaftlichen Vorteile daraus erkennt. Die Schweiz müsse China heute viel kritischer sehen als damals, als die Verhandlungen für das Freihandelsabkommen begannen. Wirtschaftlich profitiere die Schweiz. «China kann sich aber damit brüsten, dass eine der ältesten Demokratien und ein Land mit derart positivem Image wie die Schweiz hinter dem Land steht. Die Schweiz hat sich so für die Propaganda von China einspannen lassen.»
Für Lüthi ist klar: Das China heute unter Xi Jinping ist nicht mehr das China von vor ein paar Jahren. «Es erinnert mehr an einen leninistischen Repressionsstaat als an ein modernes, offenes Land.» Ihr Herz gehört es trotzdem. Zurück kann sie zurzeit nicht. Sie steht auf einer schwarzen Liste.

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