Das Leben des «Lumpen-Levy»

Das neue Buch derPfeffingerin Doris Huggel über den Basler Abfall-könig Tobias Levy ist Zeugnis einer beeindruckenden Karriere und gibt Einblick in die Geschichte der Altstoffverwertung.

Fleiss und Neugierde: Doris Huggel hat in ihrem Buch die Geschichte ihres Urgrossvaters aufgearbeitet. Foto: Caspar Reimer
Fleiss und Neugierde: Doris Huggel hat in ihrem Buch die Geschichte ihres Urgrossvaters aufgearbeitet. Foto: Caspar Reimer

«In unserer Familie wurde viel über den ‹Lumpen-Levy› gesprochen. Als Historikerin wollte ich wissen, was an den Geschichten, die über ihn erzählt werden, wirklich dran ist», sagt die in Pfeffingen lebende Kunsthistorikerin Doris Huggel. Sie ist die Urenkelin des 1926 verstorbenen Tobias Levy. Unter dem Titel «Der Basler Abfallkönig. Vom Lumpen-Levy zur Recupa AG, 1886–1973» hat sie ein Buch über ihn und seine Karriere geschrieben. Tobias Levy stammte aus einer Familie von Lumpensammlern, einem Erwerbszweig, der sich bis ins 20. Jahrhundert mit dem Sammeln und dem Verwerten von gebrauchten Textilien aller Art und textilen Fabrikabfällen beschäftigte. «Der Junge wuchs in sehr armen Verhältnissen auf, musste seinen Eltern bei der Arbeit helfen und kam nicht gross in den Genuss von Schulbildung», erzählt Huggel.

Eine Tellerwäscher-Karriere

Der Jüngling sah in seiner Heimatstadt Hamburg für sich keine Zukunft. Im Jahr 1870 verliess er als 20-Jähriger sein Zuhause und wanderte – mit ein paar Habseligkeiten in ein Waschtuch gewickelt – durch Deutschland. Auf seiner sechs Jahre dauernden Reise heuerte er bei verschiedenen Firmen an und landete schliesslich in Basel, wo er in der Abfallverwertungsfirma Bertsche eingesetzt wurde. Als deren Besitzer starb, konnte Levy die Firma übernehmen. «Mit viel Fleiss brachte er es zu Erfolg und Wohlstand. Das ist umso erstaunlicher, wenn man weiss, dass Tobias Levy bereits in dieser Zeit an der Zuckerkrankheit zu leiden hatte», so Huggel. Um das Jahr 1900 war seine damalige Firma, «Gesellschaft für Verwertung von Abfällen AG», das grösste Unternehmen dieser Art in der Schweiz. Zuerst im Bachlettenquartier und im Dreispitzareal in Basel domiziliert, wurde 1907 eine Fabrik auf dem Sternenfeld in Birsfelden gebaut. Das Unternehmen wurde, später unter dem Namen Recupa AG, von seinen Nachfahren weitergeführt.

Weltkriege führten zu mehr Wiederverwertung

Huggels Buch zeichnet einerseits Levys beeindruckende Karriere nach und gibt andererseits Einblicke in die Geschichte der Abfallverwertung, die besonders während der beiden Weltkriege von grosser Bedeutung war. «In jener Zeit brachen internationale Lieferketten zusammen. Man musste sich selbst helfen und Stoffe, wenn möglich, wiederverwenden», so die Historikerin.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten viele nicht rezyklierbare Materialien auf den Markt, die weggeworfen werden mussten. «Es ist enorm, was heutzutage an Abfall generiert wird. Neben der Familiengeschichte war es für mich auch eine Motivation für das Buch, zu zeigen, wie früher die Kreislaufwirtschaft funktioniert hat.»

Fleiss und langer Atem

«Die Idee eines solchen Buches trug ich lange mit mir herum. Bereits in den 1990er-Jahren begann ich, Nachforschungen anzustellen», erzählt die 71-Jährige. Sie hatte das Glück, auf Schriften eines mit Levy befreundetes Fabrikanten zugreifen zu können. «Es war tatsächlich schon viel Material vorhanden. Da ich aber als Freiberuflerin andere Aufträge zu erledigen hatte, lief das Projekt immer so nebenbei.» Erst 2023 beschloss sie, Nägel mit Köpfen zu machen und das Buch niederzuschreiben. «Ich bin sehr neugierig auf neue Erkenntnisse, weshalb ich diese Arbeit gerne machte. Trotzdem braucht es viel Fleiss und einen langen Atem.»

Ihr Buch richte sich an Menschen, die sich für historische Themen und speziell die Geschichte der Abfallverwaltung interessieren. «Ich habe es so gestaltet, dass es auch für Nichthistoriker gut lesbar ist.» Ursprünglich hatte Huggel eine kaufmännische Ausbildung absolviert. «Ich realisierte aber bald, dass ich damals als Frau in diesem Bereich kaum je etwas machen konnte, was mir wirklich gefällt.» So holte sie die Matur nach und studierte Kunstgeschichte. «Ich wollte etwas machen, was mich wirklich interessiert. Dafür nahm ich es auch in Kauf, weniger Geld zu verdienen.»

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