Vom Kranken- zum Gesundheitswesen
Am Anlass der EGK-Gesundheitskasse ging es um die medizinische Versorgung in der Nordwestschweiz. Aus den Referaten und der Podiumsdiskussion waren deren Stärken und Schwächen, aber auch innovative Forderungen herauszuhören.

Im Alts Schlachthuus dominieren an diesem Montagnachmittag eindeutig dunkle Anzüge und Krawatten. Immerhin sind Ständerat Claude Janiak (BL), Regierungsrätin Susanne Hochuli (AG) und Regierungsrat Thomas Weber (BL) illustre Gäste der Eidgenössischen Gesundheitskasse, die an diesem Event zusammen mit einem ausgesuchten Fachpublikum einen gesundheitspolitischen Dialog über die Versorgung in der Region Nordwestschweiz führen will. «Über Jahrzehnte waren die Krankheitskosten kein Thema», blickt die Aargauer Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli weit zurück. 1915 habe ein Patient im Schnitt 48 Tage im Spital gelegen und das bei Vollkosten zwischen 2.20 und 2.40 Franken pro Tag. Heute seien es noch unterdurchschnittliche 6,9 Tage bei Tageskosten von weit über 1000 Franken. Die Ursachen ortet Hochuli in der demografischen Entwicklung, im medizinischen Fortschritt und in der Gesundheit als Konsumgut. «Der Angebotsmarkt verleitet zu einer Buffet-Mentalität», skizziert Hochuli prägnant die heutigen Erwartungen an die medizinische Versorgung. Diese zeichneten sich durch den Mangel an Selbstverantwortung und Sparwillen oder den Glauben an die «Reparaturmedizin» aus. Die Versorgung in der Region Nordwestschweiz taxiert sie als «gut aufgestellt», vermisst aber die volle Freizügigkeit und das Fehlen von Spitalverbünden. «Das wichtigste Problem bleibt aber der Personalnotstand», erklärt Hochuli und sieht beim gegenwärtigen medizinischen Standard auch keinen Stopp in der Kostenentwicklung. «Man soll den Körper nicht als Verschleissteil betrachten, sondern als wertvolle Ressource», ruft die Aargauer Regierungsrätin auf, das Potenzial Gesundheit zu nutzen. Das tut auch Stefan Kaufmann von der EGK, der in seinem Referat analog dem Kassennamen den Wechsel vom Kranken- zum Gesundheitswesen fordert.
Doktoren blicken in die Zukunft
In einer spannenden Runde unter Leitung des fordernden Gesundheitsökonomen Dr. Willy Oggier bringen die Doctores auf dem Podium zum Schluss ihre Erwartungen auf den Punkt. Dr. Peter Eichenberger, Direktor St. Claraspital, wünscht sich weniger staatliche Regulierungen und Regierungsräte, die glücklich sind über die Eigeninitiative der Leistungserbringer. Die Geschäftsführerin Spitex Basel, Dr. Dorothea Zeltner Kamber, hofft auf gleich lange Spiesse zwischen privaten und öffentlichen Spitex-Organisationen und freut sich auf motivierte Fachkräfte. Für die beiden Allgemeinmediziner Christoph Cina und Florian Suter ist der Hausarzt in der Grundversorgung unverzichtbar, muss aber zeitgemäss geschult und in eine Vernetzung mit Haus- und Fachärzten sowie Spitälern integriert werden. «Ohne Strukturerhalt, aber mit Blick über den Gartenhag sind wir in fünf Jahren weiter», denkt der von Oggier kurzerhand auch zum Doktor promovierte Regierungsrat Thomas Weber in seinem Schlusswort voraus.


