Der goldene Rahmen von Laufen
Mit der wachsenden Bekanntheit der Detektei häufen sich sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung. Eine davon führt Jonas Lenz in ein Laufner Rahmenatelier. Dort entdeckt er, dass Vergolden und Ermitteln überraschend viel gemeinsam haben: Beide machen sichtbar, was längst da ist.
Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 3
Die Liste mit besonderen Menschen, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten wird immer länger. Ein Motorradclub mit Bikerbar. Eine Theatergruppe auf der Suche nach einer Ape. Ein Rahmen-atelier, in dem eine Vergolderin arbeitet.
Zwischenzeitlich ist die Fülle an Hinweisen für Jonas Lenz schon fast eine Überforderung. Wo anfangen, wie allen gerecht werden? Schrittweise will er den Hinweisen nachgehen. Als Erstes der letzten Spur. Sie passt zu einer Idee, die ihn seit Tagen beschäftigt.
Gerahmte Geschichten
Laufen, später Nachmittag. Das Rahmen- und Kunstatelier von Iris Amacher liegt unscheinbar an der Delsbergerstrasse. Als Jonas Lenz eintritt, hat er sofort das Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem Dinge nicht einfach existieren, sondern in Erscheinung gebracht werden. Gold schimmert in warmen und kühlen Tönen. Iris Amacher begrüsst ihn mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Eigentlich ist es ein doppelter Zufall, der Lenz hierhergeführt hat. Eine Freundin aus früheren Zeiten hatte ihm von der Vergolderin erzählt. Wenige Tage später fällt ihr Name erneut: im «Bären», im Zusammenhang mit einem schweren Barockspiegel. Zwei unabhängige Spuren, die sich kreuzen. Für Lenz Grund genug, ihnen nachzugehen.
Goldrichtig
Iris erzählt von ihrem Weg. Geboren in Liesberg. Lange ohne klare Richtung. Bis ihre Mutter sie — ohne zu fragen — zu einer Schnupperlehre bei einer Vergolderin anmeldet. Drei Tage später hat sie die Lehrstelle. «Ich war zuerst wütend», sagt sie und lächelt. «Heute weiss ich: Es war goldrichtig.» Sie tritt damit in die Fussstapfen ihres Urgrossvaters, eines Kirchenvergolders. Eine Familientradition, die sich fortsetzt, ohne je geplant gewesen zu sein. «Ein Bild ohne Rahmen ist wie eine Seele ohne Körper», sagt sie und zitiert Vincent van Gogh. Ein Tal ohne Rahmen ebenso, denkt sich Jonas. Iris Amacher gibt Bildern einen Rahmen, der sie zur Geltung bringt, ohne sie zu dominieren. Von der Kinderzeichnung bis zum hoch dotierten Original. Lenz tut im Grunde dasselbe, nur mit Geschichten. Auch er versucht, Menschen und Orten einen Rahmen zu geben, der ihre Qualitäten sichtbar macht, ohne sie zu verfälschen.
Der Spiegel im «Bären»
Dann kommt er zur Sache. Zum Spiegel. Iris Amacher lehnt sich leicht zurück, als würde sie in eine andere Zeit wechseln. Vor zwanzig Jahren habe sie ein Anruf erreicht. Der damalige Besitzer des «Bären» suche einen Spiegel. Einen ganz besonderen.
Sie fand ihn im Keller von Freunden. Schwer, barock, aus einem Herrenhaus in Arlesheim. Ein Stück mit Geschichte und mit Wunden. Rund dreissig Stunden arbeitete sie daran. Reinigen, festigen, ergänzen. Vergolden. Dem Spiegel nicht etwas hinzufügen, sondern ihm zurückgeben, was er einmal war.
Corpus Delicti
«Eigentlich habe ich einen Spiegel eingerahmt», sagt sie. Der Satz bleibt im Raum stehen. Und als wäre das nicht genug an Kreislauf: Zwanzig Jahre später taucht derselbe Spiegel wieder auf. Im Keller des «Bären». Die neuen Betreiber holen ihn ans Licht zurück. Und wieder ist es Iris Amacher, die sich seiner annimmt. Zwei Tage Arbeit diesmal. Auffrischen, überarbeiten. Doch die eigentliche Herausforderung war eine andere: den schweren Spiegel in die Bruchsteinmauer einzulassen. Ein Kraftakt. Ein Verankern, im wörtlichen Sinn.
Jonas sieht ihn vor sich. Nicht nur als Objekt, sondern als etwas, das Räume verändert. Ein Corpus Delicti, das zwei Zeiten verbindet, zwei Besitzer, zwei Restaurierungen. Ein stiller Zeuge. Nebenbei erzählt Iris Amacher von ihrer anderen Arbeit für den «Bären». Möbel suchen, Dinge finden, die passen. Ein braunes Chesterfield-Sofa aus Olten. Leuchtflaschen. Rahmen. Immer auf der Suche nach dem richtigen Kontext.
Musikhaus Jegerlehner
Als Mädchen, sagt sie, habe sie oft vor genau diesem Ort gestanden. Damals war hier das Musikhaus von Otto Jegerlehner. Sie drückte die Hände an die Scheibe, schaute hinein in diese chaotische, magische Welt. Schachtel auf Schachtel. Und doch fand er alles. «Mit einem Handgriff», sagt sie.
Vielleicht, denkt Jonas, beginnt alles genau so: mit einem Blick von aussen. Mit einer Faszination, die bleibt. Als er sich verabschiedet, holt er aus seiner Tasche einen goldenen Rahmen. Nicht gross, aber auffällig. Er stellt ihn in einen offenen Schrank. «Laufental, wo sprengst du den Rahmen?» Er zögert kurz. Fast eine Entschuldigung liegt in der Geste. Könnte auch respektlos wirken. Die Vergolderin betrachtet den Rahmen, dann ihn. «Nein», sagt sie ruhig. «Das passt.» Sie nimmt sich vor, die Frage weiterzugeben. Beim Verabschieden der Gäste, ganz beiläufig.
Fragen im Gepäck
Jonas Lenz tritt nach draussen. Mit weiteren Fragen im Gepäck, die er im Laufental ausstellen und in den Köpfen der Lesenden einnisten lassen will. Jede Frage auf den Ort zugeschnitten. Im Schaufenster eines Coiffeursalons die Frage: «Laufental, welchen alten Zopf möchtest du endlich abschneiden?» Im Museum: «Laufental, was erzählst du erst, wenn man dich kennt?» Und im «Bären»: «Laufental, was macht dich stolz, was kannst nur du?» Es gibt viel zu tun.
Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch








