«Verlag hält Leser für dumm»

Nach Moskau und Zürich wohnt der russische Schriftsteller Michail Schischkin seit einem Jahr in Kleinlützel. In Laufen las er aus seinem Roman «Venushaar» vor.

Beantwortet Fragen: Michail Schischkin in der Galerie Alts Schlachthuus.  Foto: Gaby Walther
Beantwortet Fragen: Michail Schischkin in der Galerie Alts Schlachthuus. Foto: Gaby Walther

Eine Lesung vermag nicht unbedingt die grosse Masse anzusprechen. Am letzten Freitag mussten aber doch noch einige Stühle geholt werden, damit die rund 50 Literaturinteressierten alle einen Platz zum Sitzen fanden. Michail Schischkin war Gast in der Galerie «Alts Schlachthuus». Es sei für ihn eine Ehre, eine Lesung für seine Nachbarn zu halten, meinte der russische Autor schmunzelnd. 1961 in Moskau geboren, 1995 nach Zürich gezogen, lebt Schischkin nun sei einem Jahr zusammen mit seiner dritten Frau und deren zwei Töchtern in Kleinlützel. Als junger Mann sei es spannend gewesen, in der Stadt zu leben, doch nun geniesse er die schöne Wandergegend und das Leben im Grünen; man sei ja in einer halben Stunde am Flughafen, meinte er. Er lebe gerne in der Schweiz. Manchmal vermisse er aber die russische Sprache.
Schischkin, mit verschiedensten Literaturpreisen, unter anderen den drei Wichtigsten Russlands, ausgezeichnet, las aus dem 2005 in Russland erschienenen und nun ins Deutsche übersetzte Roman «Venushaar». «Jahrelang haben die deutschen Verlage das Buch abgelehnt mit der Begründung, es sei zu anspruchsvoll für den Durchschnittsleser. Doch ich verstehe nicht, wieso die Verlage die Leser für dumm halten», meinte Schischkin. Für einen russischen Autor hänge das Schreiben sowieso nie vom Leser ab, denn in Russland seien viele Bücher verboten gewesen und es bestand keine Garantie, dass ein Buch jemand lesen würde oder es verkauft werden konnte. In Russland sei die Zeit des Kommunismus voller Lügen gewesen und die jetzige Demokratie nicht besser. Nur ein anspruchsvolles Buch sei nicht erniedrigend und unterschiede sich von dem, was die Buchhandlungen vorgeben, was zu lesen sei. Deshalb seien für ihn seine Lesereisen in der russischen Provinz wichtig, dort treffe er den idealen Leser an.
In «Venushaar» steht ein Dolmetscher im Vordergrund, der die Antworten von Flüchtlingen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die in der Schweiz Asyl beantragen, übersetzt. Im Roman werden mehrere Erzählsträngen – Alltag und Mythos, russische Geschichte und Gegenwart – miteinander verknüpft. Mit angenehm warmer Stimme las Schischkin aus den verschiedenen Erzählsträngen vor und vermochte seine Zuhörer sofort zu packen. Da war zum Beispiel die Geschichte des schrecklichen Tyrannen Dracula, der alle Schwachen und Behinderten verbrennen liess. Im Gegensatz dazu stand das menschliche Leid, das dem Dolmetscher bei der Trennung von seiner Frau widerfährt, oder der Auszug aus den Tagebüchern einer russischen Sängerin.
Schischkin regte mit seiner Lesung an, das 536 Seiten starke Buch selber zu lesen oder, wie im Fall der Schreibenden, weiterzulesen und dran zu bleiben. «Venushaar» ist kein Roman, den man schnell durchrattern kann, sondern er verlangt vom Leser Geduld und Ausdauer. Belohnt wird man mit wertvollen Gedanken und literarischen Sätzen. «Viele Grausamkeiten werden beschrieben, doch die Grausamkeit kann mit menschlicher Wärme überwunden werden», so Schischkin.

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