Ratlos war gestern, humorlos war nie

Mit seinem Programm «Ratlos» gibt ein vermeintlich ratloser Cenk gewollt oder ungewollt Lebenshilfe und teilt mit einem dankbaren Publikum Erlebnisse und Menschen aus seinem Leben.

Nicht nur aufgrund der Weltlage, auch im Kleinen und Persönlichen sind wir oft ratlos. Wer also führt uns aus der Ratlosigkeit heraus? Ist es der desinteressierte Versicherungsvertreter unter den Ver-wandten oder ein Erfolgs- und Motivationscoach? Vielleicht der kiffende Cousin oder doch die nörgelnde Freundin auf dem Beifahrersitz? Antworten versuchte Cenk im Kulturzentrum Alts Schlacht-huus mit seinem aktuellen Programm «Ratlos» zu liefern.

Mit ruhiger Sprache führt der Comedian die Gäste im voll besetzten grossen Saal durch eine gefühlt rat- und brotlose Episode in seinem Leben. Er mäandert dabei selbstironisch zwischen türkischer und schweizerischer Lebensart. Die Beschreibung typischer Familientreffen löst im Publikum genauso Lachsalven aus wie die kabarettistische Sezierung neumodischer Events wie Gender-Reveal-Partys. Weshalb genügt nicht ein SMS, um eine Schwangerschaft zu verkünden? Muss immer die ganze Familie zusammenkommen? Was für Bridget Jones die Frage nach ihrem Liebesleben, war für Cenk diejenige nach seinem Arbeitsleben. Da tut es auch schon mal eine Notlüge — «die schlimmste Lüge überhaupt» — und der Arbeitslose macht sich zum Archäologen und dichtet die Erschaffung der Pyramiden von Gizeh den Türken an.

Bei aller Ratlosigkeit für sich hat Cenk einige Ratschläge für andere Menschen bereit: Nicht auf Bluffer hören — die gebe es überall. Und die Person auf dem Beifahrersitz müsse immer ruhig sein, was er sprachlich nicht ganz so korrekt ausdrückte. Auch Beziehungstipps finden den Weg auf die nüchtern gehaltene Bühne: Beide müssten kompromissbereit sein. Dieser Idealzustand sei erreicht, wenn beide Partner gleichermassen unzufrieden seien. Und es bringe nichts, ja überhaupt nichts, die Zahnpastatube in Gegenwart des anderen möglichst auffällig zuzumachen.

Schliesslich geht er einigen Redewendungen sprachlich akribisch, aber leichtfüssig auf den Grund: Wenn schon der Halsbruch tödlich sei, weshalb wünscht man noch einen Beinbruch? Was hat sich die Evolution beim «Angstbisi» gedacht: dass man sich im Angesicht des Säbelzahntigers zuerst erleichtere und erst dann wegrenne?

Cenks Anspruch an sein Programm bestand erklärtermassen darin, das Publikum zu einen, statt es auseinanderzubringen. Das gelang ihm bestens, die altersdurchmischte Zuhörerschaft war begeistert und weiss jetzt auch, dass es sich nicht lohnt, sich einem Erfolgs- und Motivationscoach anzuvertrauen. Vielmehr soll es sich vor Augen halten, was Cenk regelmässig träumt: Unsere unterschiedlichen Länder-Fussballtrikots sind irrelevant, weil wir unsere Wurzeln alle im gleichen Boden haben. Mit diesem Ge-Cenk von Metapher verabschiedete er sich unter grossem Applaus nach der zweistündigen Darbietung.

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