Puzzleteile einer Kultur des Machens

Jonas Lenz wird mehr und mehr zum Puzzlespieler. Nach der ungewöhnlichen Dichte an ehemaligen Industrie-arealen fällt ihm ein zweites Muster auf: die überraschende Vielfalt an Manufakturen. Was verbindet diese Fundstücke und was könnte daraus entstehen?

Flickservice, Textilwerkstatt und Kunsthandwerk: Die Modedesignerin Lisa Grundwürmer empfängt Jonas Lenz in ihrer Taschenmanufaktur. Foto: SABINE THEILER

Flickservice, Textilwerkstatt und Kunsthandwerk: Die Modedesignerin Lisa Grundwürmer empfängt Jonas Lenz in ihrer Taschenmanufaktur. Foto: SABINE THEILER

Puzzleteil 3: Die Plattnerei in Zwingen – Helmprobe bei Nathan Cueni in einer der letzten Schmieden für mittelalterliche Rüstungen. Foto: PATRICK NEUENSCHWANDER

Puzzleteil 3: Die Plattnerei in Zwingen – Helmprobe bei Nathan Cueni in einer der letzten Schmieden für mittelalterliche Rüstungen. Foto: PATRICK NEUENSCHWANDER

Puzzleteil 1: Die Taschenmanufaktur in Röschenz – von der James-Bond-Enzyklopädie zur Detektei-Mappe mit Geheimfach. Foto: SABINE THEILER

Puzzleteil 1: Die Taschenmanufaktur in Röschenz – von der James-Bond-Enzyklopädie zur Detektei-Mappe mit Geheimfach. Foto: SABINE THEILER

Puzzleteil 2: Die Bildhauerei Linda Wunderlin in Laufen – Metallbildhauer Flavian Naber und Steinbildhauerin Linda Wunderlin im Gespräch. Foto: SABINE THEILER

Puzzleteil 2: Die Bildhauerei Linda Wunderlin in Laufen – Metallbildhauer Flavian Naber und Steinbildhauerin Linda Wunderlin im Gespräch. Foto: SABINE THEILER

Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Puzzle 2

Rahmenbau, Bootsbau, Geigenbau, Klavierbau, Bierbrau. Fast schon ein Gedicht. Immer öfter begegnet Lenz Menschen, die mit Kopf, Hand und Leidenschaft Dinge herstellen, die es nicht von der Stange gibt. Das nächste Puzzleteil vermutet er in der Taschenmanufaktur von Lisa Grundwürmer in Röschenz.

Flickschneiderin

Fluhstrasse 2. Lenz steigt die Treppe hinunter ins Atelier, in dem Grundwürmer ihre Taschenmanufaktur und ihren Flickservice betreibt. Seit bald sechs Jahren arbeitet die zweifache Mutter zudem als Flickschneiderin in der Wäscherei eines Pflegeheims in Arlesheim. Sie «namelt» die Kleider neuer Bewohnerinnen und Bewohner, passt sie an, flickt und wäscht sie und bringt die frische Wäsche aufs Zimmer. Eine Arbeit, die nicht nur Textilien, sondern manchmal auch Erinnerungen zusammenhält.

Den Ausgleich zu den schweren Themen findet Grundwürmer im kreativen Schaffen. Nach ihrem Studium in Modedesign und Schnitttechnik begann sie, Kissen, Mützen, Schals und Taschen herzustellen. Seit 25 Jahren entwirft und produziert sie Taschen und Accessoires.

Aus Resten wird Neues

Ihre Spezialität sind Dinge, die andere nicht mehr brauchen: Restrollen von Markisen, alte Bücher, Lagerbestände von Autosattlereien und Nähereien, Sofaleder oder Vorhänge. Was anderswo als Restmaterial endet, bekommt bei ihr ein zweites Leben.

«Früher musste ich das, heute habe ich Spass daran und es macht mehr Sinn denn je», sagt sie. Den sparsamen Umgang mit Material habe sie mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Mutter, Jahrgang 1936, war in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und hatte den Krieg in Deutschland erlebt. Auch die Grossmutter rettete kleinste Dinge. Im Nachtkästchen sammelte sie für die Enkelin Seifendosen, türkis, mit Blumenmuster und goldenem Rand. Lenz ahnt: Nachhaltigkeit beginnt manchmal lange vor dem ersten Nachhaltigkeitslabel.

James Bond als Detektei-Mappe

Lenz’ Blick wandert durch das Atelier. Fadenspulen, Stoffbänder und Stoffreste sind fein säuberlich nach Farben geordnet. Dann entdeckt er im Regal ausrangierte Bibliotheksbücher. Er zieht eine schwarz-weisse James-Bond-Enzyklopädie heraus. Ein Reissverschluss umschliesst den Buchdeckel. Innen ist das Buch ausgehöhlt und mit Blachen ausgekleidet. Einige Seiten sind geblieben, der Rest ist freier Raum für Notizen oder ein Notebook.

James Bond als Handtasche? Nein, als Detektei-Mappe. Lenz wiegt das verwandelte Buch in den Händen. Ein ausrangiertes Buch, das nicht nur von Agenten erzählt, sondern selbst zum Geheimfach geworden ist. Volltreffer. Ein Puzzleteil für die Idee einer «Manufaktur Laufental».

Das Muster hinter dem Machen

Was die Fundstücke verbindet, ist mehr als Handwerk. Es ist die Freude am Machen, am Material, am eigenen Tun. Dinge herstellen, die Zeit brauchen und am Ende tatsächlich in den Händen liegen. Selbst die Detektei passt ins Bild: Lenz schreibt seine Geschichten mit dickem Filzstift auf eine sechzig Meter lange Papierrolle. Auch die Detektei arbeitet analog. Eine Manufaktur mit Lupe statt Nähmaschine.

Der Soziologe in Lenz erinnert sich an Richard Sennetts Standardwerk «Handwerk». Für den amerikanisch-britischen Soziologen ist Handwerk weit mehr als das traditionelle Gewerbe. Es geht um den menschlichen Impuls, etwas um seiner selbst willen gut machen zu wollen. Kopf und Hand gehören zusammen, Können entsteht durch Übung, Versuch und Irrtum. In einer zunehmend digitalisierten Welt gewinnt diese Erfahrung eine neue Bedeutung. Während künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt, wächst die Sehnsucht nach Dingen, die man selbst herstellen, anfassen und begreifen kann.

Analog ist das neue Bio, denkt Lenz. Und vielleicht liegt darin ein Stück Identität des Laufentals: eine überraschende Dichte an Menschen, die lieber etwas machen, als nur darüber zu reden.

Vom Fundstück zum Erlebnis

Was könnte daraus entstehen? Lenz erinnert sich an Michael Kumli, Geschäftsführer von Baselland Tourismus. «Nicht nur Sehenswürdigkeiten zeigen, sondern Formate anbieten, bei denen Gäste selber Teil des Geschehens werden können», hatte Kumli bei einem Gespräch im Haus der Wirtschaft gesagt.

Warum also kein Workshop mit Lisa Grundwürmer? Die Gäste bringen ihr Lieblingsbuch mit und verwandeln es unter Anleitung in ein persönliches Etui. Aus einem alten Buch wird ein neues Gebrauchsobjekt, aus einem Atelierbesuch ein Erlebnis. Ähnlich liesse sich im Laufental Bier brauen, ein Messer schmieden, Holz bearbeiten, ein Instrument bauen oder Tinte herstellen.

Lenz schiebt die Fundstücke hin und her. Werkraum Laufental. Manufaktur Laufental. Tal der Macher. Atelierbesuche, Werkstattgespräche, Mini-Praktika. Darin steckt Standortpotenzial. Vielleicht könnte das Tal zu einem Ort werden, an dem Gäste für ein paar Stunden oder Tage selbst Hand anlegen. Nicht nur zuschauen, sondern ausprobieren. Nicht nur konsumieren, sondern etwas mit nach Hause nehmen. Die vorhandenen Ateliers wären keine Sehenswürdigkeiten im üblichen Sinn, sondern offene Türen in ein analoges Kurhaus, als Gegenpol zur digitalen Welt.

Die Detektei beginnt zu nähen

Das Gespräch neigt sich dem Ende zu, obwohl es noch viel zu sagen gäbe. Wie immer hinterlässt Lenz seine Visitenkarte im Colombo-Stil: «Und übrigens, für den Fall der Fälle. Falls noch sachdienliche Hinweise auftauchen.»

Auf dem Heimweg fügt sich das Bild weiter zusammen. Die Steinbildhauerei, die Plattnerei, die Taschenmanufaktur. Und mittendrin die Detektei, die Fundstücke sammelt und Geschichten daraus macht. Lenz denkt an die Verbindungen, die sich zwischen den einzelnen Teilen herstellen lassen. Wie bei Lisa Grundwürmer wird aus vielem, was zunächst lose herumliegt, etwas Neues.

Plötzlich weiss Lenz auch, weshalb in seinem Schaufenster-Büro ein kleines Nähtischchen steht. Die Detektei beginnt zu nähen.

«Das Laufental ist ein Tal der Macher, nicht nur der Sehenswürdigkeiten.»

Detektei Laufental

Im Auftrag der Promotion Laufental hat der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin einen Sommer lang als Spurenleser Jonas Lenz das Laufental durchstreift, Schätze gesucht und Spuren freigelegt. Die Serie im «Wochenblatt» hat in elf Episoden Einblick gegeben in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.

Nun beginnt eine neue Phase der Detektei Laufental: Jonas Lenz wird mehr und mehr zum Puzzlespieler, der einzelne Fundstücke verbindet, nach Mustern sucht und daraus ein grösseres Bild formt. Drei neue Folgen zeigen die Erkenntnisse dieses Versuchs, bevor die «Wochenblatt»-Serie am Donnerstag, 5. November 2026, um 19.00 Uhr im Stellwerk Bahnhof Laufen ausgestellt wird.

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