Die subtile Kunst der Irritation
Die Künstlerin Renata Borer aus Büsserach präsentiert im Kulturzentrum Alts Schlachthuus Objekte und Zeichnungen aus den Jahren 2010 bis 2015. Sie beherrscht die Kunst, Vertrautes fremd wirken zu lassen.

Laufen
Am letzten Freitag fand die gut besuchte Vernissage statt. Auf einer grossen Leinwand über dem Eingang wurden die Werke von Renata Borer projiziert. Was zuerst auffiel, war der Kontrast zwischen den filigranen, schemenhaften Zeichnungen, deren sublime Strichführung im Gegensatz zur Energie der plastischen, oft biomorphen Formen steht, und den Objekten im Raum. Sie sind von starker Körperlichkeit und haptischer Präsenz geprägt. Wer in den noch menschenleeren Raum eintreten konnte, fühlte sich sogleich in einer anderen Welt.
«Früchte verborgener Gärten»
Gleich links an der Wand hängt eine lange Astgabel mit zwei grossen beerenartigen Früchten aus Lackleder und Fuchspelz, die einerseits vertraut und andererseits rätselhaft wirken. «Verwurzelt im Fremden», heisst das Werk. Am Boden liegen erdfarbene Körper, die an geschlossene Schoten oder schmale Boote erinnern. Man ahnt die Schwere, denkt aber unwillkürlich an Ton; dabei handelt es sich um mit Farbpigmenten behandeltes Wachs. Diese Objekte nennen sich «Früchte verborgener Gärten» und setzen sich im hinteren Teil der Ausstellung fort.
Einen Moment verharrt der Blick am Werk «Büchse der Pandora» aus Bronze und rosa Wachs, das wie eine übergrosse Brosche mit organischen Knospen wirkt. Faszinierend ist ebenfalls «Das Spiel muss neu gespielt werden» aus Gips, Holz und bunten oktaedrischen Fluoritkristallen. Schon wird der Blick auf ein über zwei Meter hohes, fragil wirkendes Objekt aus drei Weidenästen gelenkt, das auf einem runden Spiegel steht. Oben wachsen spitze, rosafarbene Blätter heraus. «Hinter der Welt wird ein Baum stehen» heisst dieses Werk. Das Objekt «danach.später», bei dem Renata Borer auf die Fukushima-Katastrophe Bezug nimmt, ist kryptisch und verstörend zugleich. Aus blütenartigen Kokons aus Bienenwachs ragen Hühnerbeine aus demselben Material.
Es lohnt sich, alle diese Objekte auf sich wirken zu lassen, ohne sie gleich zu interpretieren. Sie stammen aus einer Zwischenwelt zwischen Realität und Traum, aber man muss sich hüten, in den Werken verschlüsselte Botschaften zu sehen. Wie Susan Sontag in «Against Interpretation» schreibt, sollte man sich auf die Wirkung der Kunst einlassen und nicht interpretieren oder gar die Psychoanalyse bemühen.
Eigene Handschrift ist unübersehbar
Kunstgeschichtlich lässt sich das Werk von Renata Borer in der Tradition von Louise Bourgeois, Meret Oppenheim oder Eva Hesse verorten. Trotz der Anklänge an Archetypisches ist stets die eigene Handschrift spürbar.
Die Vernissage wurde musikalisch eröffnet durch Flötenimprovisationen von Sarah Giger. Der Kunsthistoriker Michael Babics hielt — auf der Grundlage des empfehlenswerten Katalogs — die Einführung. Er ging auf die Kontraste und Spannungen im surrealen Werk der Künstlerin ein: Erscheinen und Verschwinden, Blenden und Verblassen, Anziehung und Abneigung. Babics widmete sich aber auch dem zeichnerischen Oeuvre von Renata Borer, bei dem die Atmung eine wichtige Rolle spiele. Nach zwei weiteren Melodien von Sarah Giger wurde das Publikum zum Apéro geladen.


