Mit der Fotokamera ins Innerste der Menschen vordringen
Burg – eine Gemeinde, wo mit Ausnahme des Fussballturniers im Sommer meistens gar nichts läuft. Für den bekannten Schweizer Fotografen Hugo Jaeggi ist es der schönste Ort der Welt. Seit 30 Jahren ist er hier daheim.

Kalkutta, New York, Palermo, Minsk ... Hugo Jaeggi war schon überall auf der Welt unterwegs. Fast immer als Fotograf im Auftrag und nie ohne Kamera. «Heute habe ich diese ‹Fotomanie› etwas abgelegt, und kann auch ohne Fotoapparat aus dem Haus», erklärt der 78-Jährige. Fotograf sei er aber auch so. «Es ist wie ein Film, der in mir abläuft, ich gestalte das Gesehene innerlich», sagt er.
Bildergeschichten
Hugo Jaeggi ist ein Erzähler. Das sagt er selber über sich, und wer bei ihm zu Besuch ist, braucht keine weiteren Termine an diesem Tag.
Ein Fotograf – ein Geschichtenerzähler? Seine Bilder erzählen Geschichten. Vielleicht ist es das, was ihn zu einem anerkannten Meister unter den Schweizer Fotografen gemacht hat. In einem Buch, «Hugo Jaeggi – Nahe am Menschen», sind über 150 solcher «Geschichten» abgebildet. Fotografische Kurzgeschichten. Im Beisein des «Autors» werden sie gerne etwas länger. Mit Menschen haben sie alle zu tun. Jaeggi begegnet gerne Menschen. Auch heute noch. Er geht auf sie zu – mit Sympathie, Feingefühl und mit noch mehr Humor. Schon deshalb lässt man sich gerne einen zweiten Kaffee einschenken, am Stubentisch, im Haus von Hugo Jaeggi in Burg, im Hinteren Leimental.
Immerhin gibt er vor jedem «Kapitel» den Zeitbedarf bekannt, den jedoch niemand ausschlägt. Zu interessant, zu unterhaltend, manchmal auch besinnlich. Ähnliches bewirken seine Bilder. Vorwiegend in Schwarzweiss, analog fotografiert («Noch heute fotografiere ich am liebsten mit meiner alten Leica»), entwickelt im Rotlicht der Dunkelkammer im Untergeschoss seines Hauses. Tausende Fotografien, die zum nur Durchblättern ungeeignet sind. Zu kompakt, zu aussagekräftig, zu viel Inhalt. Schade eigentlich nur, dass Jaeggis Kommentar nicht jedem Betrachter zu Gehör kommen.
Bilder erzählen nur den ersten Teil
Den zweiten erzählt Jäggi live. Beispielsweise bei den Fotos mit zwei fülligen, offenherzigen Damen, die eine beim Einschenken eines billigen Wodkas, die andere beim Öffnen einer Sardinenbüchse. Starke Bilder, die aber erst zur Sensation werden, wenn der Fotograf zu kommentieren beginnt: «Das sind zwei Frauen in einem Zugabteil, die mich als jungen Reisenden irgendwo in Weissrussland in ihr Zugsabteil zerren, mich mit Sardinen und ausreichend – bis zur Bewusstlosigkeit – mit Wodka versorgen. Erstaunlich – für die beiden Fotos bewies ich eine ruhige Hand und die nötige Konzentration. Danach war ich weg.» Warum sich Menschen von Hugo Jaeggi so offen und so nah fotografieren lassen, ist ein Phänomen. Kürzlich, in einem Interview in der Tageswoche erklärte er dies so: «Vielleicht ist es eine Begabung von mir, vielleicht auch einfach nur Glück, aber ich habe die Menschen immer angezogen und sie mich. Mein Leben lang konnte ich ohne Probleme, mit ruhigem Gewissen und ohne Hemmungen fotografieren.»
Ursprünglich wollte Hugo Jaeggi Maler werden. Dies überträgt sich auch auf seine Fotografien, die immer auch vom Bildaufbau her stimmen müssen. Auch arbeitet der im solothurnischen Recherswil aufgewachsene Künstler immer wieder mit Spiegelungen, welche ohne fotografische Tricks, verblüffende Verzerrungen und Überlagerungen hervorrufen, die heute, im Digitalzeitalter, mit wenigen Klicks im Computer entstehen. Übrigens – Hugo Jaeggi hat die Digitale Fotografie längst erreicht und seine Traumlandschaften – oft auch in Farbe – mögen schier unendliche Geschichten hervorzuzaubern.


