«Man will sich nicht mehr so verbindlich engagieren»

17 Jahre lang vermittelte die ökumenische Wegbegleitung Menschen, die Zeit schenkten. Ende Jahr ist Schluss. Hinter der Auflösung steckt mehr als nur fehlender Nachwuchs.

Blickt auf ihre Arbeit zurück: 15 Jahre lang leitete Franziska Amrein die ökumenische Wegbegleitung Laufental-Dorneck-Thierstein. Der Verein löst sich Ende Jahr endgültig auf.  Foto: zVg
Blickt auf ihre Arbeit zurück: 15 Jahre lang leitete Franziska Amrein die ökumenische Wegbegleitung Laufental-Dorneck-Thierstein. Der Verein löst sich Ende Jahr endgültig auf. Foto: zVg

Region

Als der Verein Ökumenische Wegbegleitung 2009 gegründet wurde, war die Idee einfach: Menschen, die Zeit schenken möchten, werden mit Menschen zusammengebracht, die Unterstützung oder Gesellschaft brauchen. Über Jahre funktionierte dieses Modell. Bis zu 50 Freiwillige engagierten sich zeitweise in den Bezirken Laufental, Dorneck und Thierstein. Nun ist Schluss. Die Mitgliederversammlung hat beschlossen, den Verein zu sistieren und Ende Jahr aufzulösen. Ausschlaggebend waren unter anderem fehlender Nachwuchs bei den Freiwilligen, veränderte Strukturen in den Kirchgemeinden und immer komplexere Begleitungsanfragen. Für Stellenleiterin Franziska Amrein kam diese Entwicklung nicht überraschend. «Spätestens seit der Corona-Pandemie haben wir bemerkt, dass es schwieriger wird», sagt sie. Zwar wurden weiterhin Einführungskurse angeboten — teilweise sogar für nur drei Interessierte statt der ursprünglich vorgesehenen acht. Doch neue Freiwillige liessen sich kaum mehr gewinnen.

Warum das so ist, lasse sich nicht mit einem einzigen Grund erklären. «Heute sind viele Frauen beruflich eingespannt, kümmern sich um ihre Eltern oder hüten später die Enkelkinder», sagt Amrein. Gerade Frauen hätten den Verein über Jahre getragen. Gleichzeitig wolle sich die Generation der Pensionierten ihre Freiheit bewahren. Regelmässige Verpflichtungen über Monate oder Jahre hinweg würden seltener eingegangen.

Hinzu kommt, dass die Aufgaben anspruchsvoller geworden sind. Ursprünglich ging es oft darum, Familien zu entlasten, mit Kindern Hausaufgaben zu machen oder ältere Menschen zu begleiten. In den vergangenen Jahren meldeten sich jedoch vermehrt Sozialdienste, die KESB, Pro Senectute oder psychiatrische Institutionen. «Teilweise wurden wir erst im letzten Moment beigezogen», erzählt Amrein. Manche Fälle hätten psychische Erkrankungen oder schwierige soziale Situationen betroffen. «Nicht alles wurde von Anfang an offengelegt.» Die Freiwilligen seien zwar mit Supervisionen und Weiterbildungen begleitet worden. Dennoch habe der Verein einzelne Anfragen ablehnen müssen. «Es gab Fälle, die einfach in professionelle Hände gehörten.»

Für Amrein zeigt sich darin eine grundsätzliche Entwicklung. Gesellschaftliche Probleme würden zunehmend an Freiwilligenorganisationen delegiert. Manchmal seien die Erwartungen unrealistisch gewesen. So habe sich einmal eine Frau gemeldet, die beim Zügeln Hilfe erwartete, nachdem ihr eine Amtsstelle den Verein empfohlen hatte. Vor Ort habe sich gezeigt, dass es um weit mehr als eine kleine Unterstützung ging. «Das konnten wir schlicht nicht leisten.»

Mit der Auflösung geht nach Ansicht der langjährigen Stellenleiterin deshalb mehr verloren als eine weitere soziale Institution. Die ökumenische Wegbegleitung sei bewusst niederschwellig gewesen. Wer Unterstützung brauchte, fand unkompliziert ein offenes Ohr oder jemanden, der einfach Zeit hatte. Aus manchen Begleitungen seien Freundschaften entstanden. Sechs Freiwillige werden ihre Begleitungen deshalb privat weiterführen.

Ob eine ähnliche Lösung dereinst wieder entstehen könnte, wagt Amrein nicht vorauszusagen. Kirchgemeinden mit ihren Seelsorgerinnen und Seelsorgern würden weiterhin solche Aufgaben übernehmen, allerdings hätten auch diese mit knapperen personellen Ressourcen zu kämpfen. Die Bildung grösserer Pastoralräume habe vieles verändert. «Heute lastet sehr viel auf wenigen Schultern.»

Trotz der Enttäuschung blickt sie ohne Bitterkeit auf die vergangenen 15 Jahre, während derer sie die Leitung innehatte, zurück. Sie hätte sich zwar mehr Unterstützung gewünscht. «Aber wir wollten im Guten aufhören.» Der Abschied mit den Freiwilligen sei bewusst gefeiert worden. Und die Hoffnung bleibt: «Es wäre schön, wenn irgendwann wieder etwas Neues entstehen würde.»

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