Ein Gletscherhirte auf Reisen
Ein trauriger Anblick am Aletschgletscher brachte Olav Imark auf eine Idee. Sechs Jahre später veröffentlicht der Laufner sein erstes Kinderbuch. «Glatschis Reise» erzählt von einem Gletscherhirten, der sein Zuhause verliert.

Vor rund sechs Jahren wollte Olav Imark seinen Kindern den Aletschgletscher zeigen. Die Familie verbrachte ihre Ferien auf der Bettmeralp. Was der Laufner dort sah, stimmte ihn nachdenklich. «Der Rückgang des Gletschers war unübersehbar. Es war ein trauriger Anblick», erinnert sich Imark. Aus diesem Erlebnis entstand nach und nach die Idee für ein Kinderbuch.
Im Zentrum von «Glatschis Reise» steht ein kleines Wesen, das auf einem Gletscher lebt. Weil das Eis schmilzt und sein Zuhause zunehmend unsicher wird, muss Gletscherhirte Glatschi einen neuen Lebensraum suchen. Gemeinsam mit Grossvater Giusep und dessen Enkel Viturin beginnt eine Reise, die ihn schliesslich bis in die Antarktis führt.
Ursprünglich wollte Imark eine Geschichte erzählen, die er seinen eigenen Kindern vorlesen kann. Inzwischen seien diese für das Buch aber wohl bereits etwas zu alt.
Kinder sollen Fragen stellen
«Glatschis Reise» richtet sich an Kinder ab fünf Jahren. Imark will mit dem Buch nicht politisieren, und auch Angst schüren soll die Geschichte nicht. Vielmehr soll es ein Thema aufgreifen, das längst zum Alltag gehört und mit dem aktuellen Hitzesommer wieder ins Bewusstsein gerückt ist. Dabei setzt Imark bewusst auf das Thema Vorlesen und den Austausch zwischen Kindern und Erwachsenen. «Ein fünfjähriges Kind stellt Fragen zur Geschichte und zu den Bildern. Vielleicht kommt dann auch einmal die Frage: Warum fahren wir nicht mit dem Zug statt mit dem Auto?» Die Eltern seien gefordert, darauf Antworten zu geben. So könne die Geschichte nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen etwas auslösen und für das Thema Klimawandel sensibilisieren.
Glatschi verliert im Buch wegen des schmelzenden Eises seine Heimat, am Ende steht aber trotzdem die Hoffnung. «Wir müssen der Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Wir können handeln und etwas dagegen tun», sagt Imark.
Vier Jahre lang gezeichnet
Das Zeichnen fiel Imark leichter als das Schreiben. Seit seiner Jugend beschäftigt sich der gelernte Dekorationsgestalter und heutige Projektleiter im POS-Management mit Zeichnung, Malerei und digitaler Illustration. Sämtliche Bilder für «Glatschis Reise» zeichnete er auf dem Tablet. «Es ist digital, aber das Handwerk braucht es trotzdem. Und ich konnte das Tablet problemlos überallhin mitnehmen.» Rund vier Jahre arbeitete er an seinem Buch, bevor er überhaupt einen Verlag kontaktierte. Als er Baeschlin anschrieb, waren Geschichte und Illustrationen praktisch fertig. «Es ist eher unüblich, zuerst ein Buch fertigzustellen und erst dann einen Verlag zu suchen», so Imark. Umso glücklicher sei er, dass es beim ersten Anlauf geklappt habe. Gemeinsam mit dem Verlag stellte er das Buch schliesslich fertig und übernahm auch die Aufgabe, das Layout zu gestalten. Besonders schwer fiel ihm dabei nicht das Kürzen des Textes, sondern das Streichen zweier Bilder. «Man hängt einfach daran», stellt er fest. In ihnen seien kleine Erinnerungen aus seiner eigenen Kindheit versteckt: Die Bündner Namen der Figuren erinnern an frühere Familienferien in den Bündner Bergen. Grossvater Giusep trägt eine alte SKA-Mütze, die damals jeder hatte und heute bereits Kultstatus hat.
Am 15. August kommt das 40-seitige Bilderbuch in den Handel. Für Imark geht damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Der emotionalste Moment sei die Zusage des Verlags gewesen. Nun wartet noch ein anderer: «Für mich ist es das Grösste, wenn ich mein Buch einmal in einem Schaufenster sehe.» Und danach? Eine Fortsetzung hat Imark bereits im Kopf. Noch will er aber abwarten, wie Glatschis erste Reise bei den jungen Leserinnen und Lesern ankommt.


