Kopf an Kopf an Kopf
In ihrer aktuellen Ausstellung zeigt Jeannette Schmid in der Chelsea- Galerie Werke der Baslerin Miquette Rossinelli. Seit einiger Zeit stellt die Künstlerin Menschen ins Zentrum ihres Schaffens.

Miquette Rossinelli ist auf den Menschen gekommen. Seit einigen Jahren hat die Künstlerin ihre Welt der wuchernden Gärten, organischen Formen und tropfenden Bergkämme verlassen und arbeitet jetzt ausschliesslich an Menschenbildern, an Köpfen, an Gesichtern.
Dabei hat sie die klassische Darstellungsform, die sie als ausgebildete Zeichenlehrerin durchaus beherrscht, längst verlassen. «Das Kopieren von Äusserlichkeiten interessiert mich nicht mehr», sagt sie und steht lachend inmitten ihrer Galerie von Porträts, welche vielmehr Gesichte als Gesichter, mehr Inbilder als Abbilder darstellen.
«Soupçon d’âme» heisst die Werkschau, was so viel heisst wie «ein Hauch von Seele», aber auch «Verdacht auf Seele». Miquette Rossinelli verdächtigt also die Menschen, eine Seele zu besitzen und geht dieser mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit von Bild zu Bild nach, um in der flüchtigen Erscheinung ein Körnchen menschliche Wahrheit zu erhaschen. Die Wahrnehmungspsychologie hat festgestellt, dass das Wahrnehmen von Gesichtern und das Nachahmen von Gesichtsausdrücken zu den frühesten Fähigkeiten eines Neugeborenen gehören. Fixpunkte dieser Wahrnehmung sind dabei die Augen und der Mund, welche auch in Rossinellis Arbeiten oft überbetont und gleichzeitig abstrahiert wirken. In Augen- und Mundstellung lesen wir den Gemütszustand, die Emotionen und Intentionen unseres Gegenübers.
Dieser unendlichen Fülle an menschlich-seelischem Ausdruck geht Miquette Rossinelli in bewundernswert souveränem, spontanem malerischem und zeichnerischem Zugriff nach. Nichts ist geschönt oder idealisiert. Rossinellis Bilder zeugen von einer grossen Akzeptanz der ganzen Palette menschlichen Seins, vom naiven Erheischen von Aufmerksamkeit bis zur abgründig dunklen Verstörtheit, vom skeptischen Prüfen bis zum liebevollen Leuchten. «Ich bin menscheninteressiert», zitierte die Kunsthistorikerin Eva Bächtold in ihren erhellenden Ausführungen anlässlich der gut besuchten Vernissage die Künstlerin. In der Tat kann nur grosse Empathie gegenüber anderen und natürlich das Beherrschen der künstlerischen Mittel zu einer solchen Ausstellung führen. Ob dabei alle diese Gesichter von Frauen und Männern in Wahrheit nicht auch ein einziges grosses Selbstporträt der Künstlerin darstellen – dieser Verdacht scheint absolut zulässig zu sein.


