Kitsch mit cleverer Unterfütterung

In der Museumsnacht vom 2. Juli konnte man im Museum Laufental erstmals die Sonderausstellung «Kitsch: Böse Dinge oder Seelenheil?» besuchen. Die professionell gestaltete Schau weiss zu gefallen.

Begehrt: Der Kitschladen im Parterre zog vor allem Junge in seinen Bann.Fotos: Thomas Brunnschweiler

Begehrt: Der Kitschladen im Parterre zog vor allem Junge in seinen Bann.Fotos: Thomas Brunnschweiler

Bestes Beispiel: Der ikonische Inbegriff von Kitsch ist der Gartenzwerg.

Bestes Beispiel: Der ikonische Inbegriff von Kitsch ist der Gartenzwerg.

Laufen

Die Ausstellung regt die Besuchenden an, sich selbst einzubringen. Im Vorfeld wurde die Bevölkerung aufgerufen, eigene «kitschige» Dinge beizusteuern. Das konnten Objekte, Düfte oder Texte sein. Die Klasse 2 AB von Noëlle Borer arbeitete zusammen mit Martin Meury, dem Lehrer für Bildnerisches Gestalten, sechs Monate an dieser Ausstellung. Wie die sorgfältig konzipierte Begleitbroschüre zeigt, gab es mehrere Abteilungen innerhalb der Klasse: zum Beispiel eine Abteilung Persönlichkeiten, eine Abteilung Garten und Gartenzwerge, eine Abteilung Experteninterviews. Die Ausstellung will nicht endgültige Antworten geben. «Diese Ausstellung versteht sich als Gespräch», heisst es in der Begleitbroschüre. Die Klasse hat sich mit einer beachtlichen Gruppe von intellektuellen Koryphäen auseinandergesetzt, darunter Gustav E. Pazaurek, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Susan Sontag, Umberto Eco und Pierre Bourdieu. Kitsch soll gefallen, heisst es da einmal, ohne dass wir uns anstrengen müssen, etwas zu verstehen. «In diesem Sinn ist Kitsch die Instantsuppe der Gefühle: einfach zuzubereiten und auf maximale Wirkung ausgelegt.» Wer etwa mit dem grossen Teddybären in der Ausstellung kuschelt, wird nach mindestens 20 Sekunden die Ausschüttung von Glückshormonen erleben. Eine solche Wirkung entfaltet wohl die Betrachtung eines abstrakten Gemäldes nicht.

Verschwimmen der Gattungsgrenzen

Lange Zeit war «Kitsch» ein elitärer Abgrenzungsbegriff des Bildungsbürgertums, das sich anmasste zu erklären, was guter Geschmack und was eben Kitsch sei. Diese einseitige Schwarz-Weiss-Perspektive zu durchbrechen, ist den Schülerinnen und Schülern gelungen. Joshua Schäfer und Noah Hofer führten in diesem Zusammenhang drei Experteninterviews. Befragt wurden der emeritierte Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber, Mischa Gallati, ein Fachmann für populäre Kulturen, und die Kunsthistorikerin Andrea-Silvia Végh. In der Broschüre werden verschiedene Arten von Kitsch aufgelistet, wobei auch gezeigt wird, dass der in Europa entstandene Kitsch-Begriff nicht überall auf der Welt Gültigkeit hat. Japaner etwa haben einen anderen Bezug zu dem, was wir als Kitsch bezeichnen. Mittels Filmaufnahmen kommen einige Menschen zu Wort. Linard Candreia spricht über ein Ziegenfoto, das er nachkoloriert hat, und das er mitbrachte, weil seine Frau es als «Kitsch» bezeichnete. Das Basler Unikum -minu sagt: «Es braucht guten Kitsch … Das ist eine Aufgabe von gutem Kitsch: Er muss uns einen Moment von Glück oder Vergessen schenken.» Überall sassen am Abend der Eröffnung Menschen, die sich selbst betätigten: mit Basteln oder Malen. Auf dem Zwischengeschoss zum zweiten Stock stehen ausserhalb der Sonderausstellung barocke Skulpturen aus Kirchen. Jugendliche, angesprochen darauf, ob das Kitsch oder Kunst sei, antworteten unisono: «Kitsch!» Die Schau, die sich als «eine kitschige Ausstellung» ausgibt, ist bei genauer Betrachtung eher eine kunstvoll durchdachte Ausstellung über Kitsch. Sie dauert bis Ostern 2027.

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