Die Schatzkammer von Nenzlingen

Auf der Suche nach Mobiliar macht Jonas Lenz in der Brocki-Halle Laufental Halt und lernt mit Brocanteur Sergio Wagner einen Archäologen des Alltags kennen, der nicht nur Gegenstände, sondern auch Menschen lesen kann. Eine Entdeckung.

Sergio Wagner in seinem Reich: Seit über 40 Jahren Brocanteur und Archäologe des Alltags.  Foto: ROMANA VON TANA

Sergio Wagner in seinem Reich: Seit über 40 Jahren Brocanteur und Archäologe des Alltags. Foto: ROMANA VON TANA

Die Brocki-Halle Laufental: eine Kreuzung aus Tante-Emma-Laden, Museum und Paralleluniversum. Foto: ROMANA VON TANA

Die Brocki-Halle Laufental: eine Kreuzung aus Tante-Emma-Laden, Museum und Paralleluniversum. Foto: ROMANA VON TANA

Probesitzen: Jonas Lenz und Sergio Wagner testen das neue Mobiliar der Detektei.  Foto: PATRICK NEUENSCHWANDER

Probesitzen: Jonas Lenz und Sergio Wagner testen das neue Mobiliar der Detektei. Foto: PATRICK NEUENSCHWANDER

Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 2

Kurz vor dem Nenzlinger Rank setzt Jonas Lenz den Blinker nach links, reduziert das Tempo und schaltet zwei Gänge runter. Langsam biegt der Piaggio Ape zur Brocki-Halle Laufental ein. Heute geht es um die Möblierung einer Detektei, die Potenziale aufspürt, Geschichten sichert und Spuren sichtbar macht. Ein Möbelhaus scheidet aus. Zu neu. Zu geschniegelt. Lenz sucht Möbel mit Biografie.

Das Tal im Kleinformat

Wer die Brocki-Halle Laufental betritt, landet in einer Welt voller Entdeckungen: Vinylplatten, Kunstbilder, Lampen, Wanduhren, Münzen, Porzellan. Eine Kreuzung aus Tante-Emma-Laden, Museum und Paralleluniversum. Ein Zwischenlager des Vergangenen. Ein Möglichkeitsraum des Zukünftigen.

Ein Brockenhaus ist nicht nur ein Warenlager, denkt Lenz, sondern ein Archiv gelebten Lebens. Dinge ohne Zeugen, aber voller Spuren. Der ursprüngliche Kontext ist verschwunden: Ein Sessel verliert seinen Salon, eine Lampe ihr Wohnzimmer, eine Uhr ihre Wand. Ein hochsoziologischer Ort. Ein Spiegel der Gesellschaft. Oder präziser: des Laufentals. Auch das Tal besteht aus vielem, das zunächst unscheinbar wirkt und erst beim genaueren Hinsehen seinen Wert entfaltet.

Ausstatter der Detektei

Auftritt Sergio Wagner. Zwischen den Regalen erscheint der Leiter der Brocki-Halle. 67 Jahre alt. Wach, humorvoll, präsent. Einer, der Menschen und Dinge mit ähnlicher Präzision mustert. Ein Blick genügt und er weiss, was passt. Lenz mag ihn sofort.

Sergio Wagner ist seit über vierzig Jahren Brocanteur. Händler wäre zu banal, Sammler zu privat. Vielleicht ist Wagner ein Möglichkeitskurator. Einer, der im Weggeworfenen Zukunft erkennt und Dingen eine zweite Karriere verschafft.

Innert Minuten werden sie fündig: ein kleiner Nussbaum-Schreibtisch aus den 1920er-Jahren für 85 Franken, zwei Stühle aus den 1930ern mit rotem Sitzpolster für 20 Franken, dazu ein persischer Nomadenteppich für 50 Franken. Vor der Halle bauen sie alles probeweise auf. Sergio poliert den Tisch. Lenz setzt sich. Probeermittlung. Es passt. Die Detektei hat plötzlich ein Rückgrat.

Später erfährt Lenz, dass Sergio Wagner nicht nur die Detektei Laufental ausstattet, sondern auch das Schweizer Fernsehen. Für die zweite Staffel der Krimiserie Wilder, die im mystischen Jura spielte, wurde die Kommissarin Rosa Wilder in der Brocki-Halle fündig, und dies im grossen Stil. Ständerlampen, Tische, Stühle, Dekofiguren. Die Crew habe immer noch mehr Richtung Ausgang getragen, erinnert sich Wagner.

Biografische Weichenstellung

Wie Wagner zu seinem Beruf fand, klingt selbst wie ein Brocki-Fund. Ursprünglich lernte er Coiffeur im Traditionsgeschäft seines Vaters in Basel. Ausgeübt habe er den Beruf nur anderthalb Jahre. Nicht weil er ihn nicht mochte, sondern wegen des Samstags. «Ich wollte freihaben wie meine Kollegen.»

Das Schlüsselerlebnis folgt auf dem Petersplatz in Basel. Anfang der Achtziger verkauft Wagner auf einem Flohmarkt Gegenstände, um Geld für eine Weltreise zu sparen. Darunter zwei kleine Hummelfiguren aus Porzellan. Kitschig, findet Wagner. Zwei Franken pro Stück, sagt er. Sofort verkauft.

Am Abend klärt ihn seine Frau auf: realer Wert pro Figur, 200 bis 300 Franken. Sergio fasst einen Entschluss: Das passiert mir nie wieder. Er kauft Fachliteratur über Porzellan. Autodidaktisch beginnt seine zweite Ausbildung.

Zwischen Feilschen und Fachsimpelei wächst seine Menschenkenntnis. Er lernt Käufer zu lesen: Wer ehrlich interessiert ist. Wer blufft. Wer naiv ist. Wer frech. Eine Typologie entsteht. Nicht nur von Objekten. Von Menschen. Ein Brocanteur ist immer auch Sozialforscher.

Goldmünzen als Finderlohn

Vor der Halle hängt ein Plakat: Wir räumen alles. Räumungen. Entsorgungen. Transporte. Meist arbeitet Wagner nach Todesfällen oder Umzügen. Menschen übergeben ihm den Schlüssel zu ihren privatesten Räumen. Dann betritt er Welten, die ihm nicht gehören: Fotos, Briefpost, Unterwäsche. Er sondiert, trennt Spreu von Weizen, rettet Trouvaillen. Fast wie ein Detektiv. Oder ein Nachlass-Archäologe.

Manchmal taucht Überraschendes auf. Einmal findet Wagner einen Lederbeutel. Darin: dreissig Goldmünzen. Wert: 6000 Franken. Als Finderlohn bekommt er fünf. Lenz notiert. Nicht wegen der Münzen. Wegen der Erkenntnis: Wer lange genug hinschaut, findet.

Wundertüten

Dann führt Wagner Lenz nach oben. Warenlift. Metallisches Surren. Oben öffnet sich eine andere Welt: 1500 Kisten. Unausgepackt. Aufeinandergestapelt. Still. Eine Lagerhalle wartender Geschichten. Lenz bleibt stehen. 1500 Kisten. Eine Blackbox. Wundertüten. Mögliche Trouvaillen. Möglicher Ramsch. Mögliche Schätze.

Eine perfekte Metapher fürs Laufental, denkt Lenz. Eigentlich ist alles da. Man muss es nur entdecken, wahrnehmen, schätzen. Jede Woche holt Wagner zwanzig Kisten herunter. Mehr schafft er nicht. «Ich müsste 300 Jahre alt werden, um alles zu sichten», sagt er trocken.

Lenz lacht. Und versteht sein eigenes Projekt plötzlich noch besser. Ist die Detektei nicht genau dasselbe? Auch das Laufental besteht aus Kisten: verborgene Geschichten, ungesehene Talente, übersehene Orte, ungenutztes Potenzial. Alles ist da, einfach noch nicht ausgepackt. Zum Glück, denkt sich Lenz, und hofft insgeheim darauf, dass sein Abenteuer als Detektiv noch lange nicht enden möge.

«Ich müsste 300 Jahre alt werden, um alles zu sichten.»

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