Hygiene veränderte unser Leben
Händewaschen, eine funktionierende Kanalisation oder saubere Operationssäle sind für uns heute selbstverständlich. Medizinhistoriker Pascal Germann zeigte in Laufen, wie stark solche Hygienemassnahmen unsere Gesundheit und Lebenserwartung verändert haben.

Laufen
«Nach dem Klo und vor dem Essen Händewaschen nicht vergessen.» Mit dem bekannten Spruch begrüsste Jürgen Gück von der Naturforschenden Gesellschaft Baselland, die den Vortrag des Abends organisierte, die kleine Gästeschar im Info-Center Hochwasserschutz in Laufen. Nur eine Handvoll Interessierte hatte sich am Mittwoch letzter Woche im Info-Center Hochwasserschutz in Laufen eingefunden. Ihnen bot Pascal Germann einen anspruchsvollen Streifzug durch die Geschichte der öffentlichen Gesundheit.
Der Medizinhistoriker beschrieb zunächst, wie spektakulär die Lebenserwartung seit dem 19. Jahrhundert gestiegen ist. Während früher Hungersnöte und Epidemien für hohe Sterberaten sorgten, gingen diese ab 1800 allmählich zurück. Auch in der Schweiz zeigte sich diese Entwicklung deutlich, unterbrochen etwa durch die Spanische Grippe 1918. Krankheiten wie Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten verloren später stark an Bedeutung, während Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs in den Vordergrund rückten.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die Hygiene. Im 19. Jahrhundert wuchsen die Städte durch die Industrialisierung rasant. Abwasser, Fäkalien und schlechte Wohnverhältnisse wurden zunehmend als Gesundheitsproblem erkannt. Doch der Bau von Kanalisationen und andere Massnahmen waren umstritten. Immer wieder stellte sich die Frage, wie weit sich der Staat in die Gesundheit seiner Bürgerinnen und Bürger einmischen dürfe. «Das wurde bei jeder neuen Massnahme neu ausgehandelt», erklärte Germann. Ab den 1860er-Jahren entstanden moderne Abwassersysteme, in Basel erfolgte die umfassende Kanalisation gegen Ende des Jahrhunderts. Bemerkenswert sei dabei die zeitliche Reihenfolge gewesen. Die hygienischen Reformen begannen, bevor die Bakteriologie ihren Durchbruch hatte. Die Entdeckung von Krankheitserregern beeinflusste die Entwicklung zwar stark, «war aber nicht deren Ursache», wie Germann erklärte.
Wandel in den Spitälern
Auch Krankenhäuser seien im 19. Jahrhundert keine sicheren Orte gewesen, erklärte Germann. Sie hätten vor allem den ärmeren Bevölkerungsschichten gedient, während sich Wohlhabende zu Hause behandeln liessen. Operationen und selbst Geburten konnten im Spital wegen Infektionen besonders gefährlich sein. Entscheidende Verbesserungen hätten strengere Hygienemassnahmen gebracht: vom Händewaschen und Desinfizieren bis zu sterilen Instrumenten, Operationskleidung, Handschuhen und Masken. Doch auch diese Neuerungen setzten sich laut Germann nur allmählich durch. Selbst gegen Operationshandschuhe habe es Widerstand gegeben. Viele Chirurgen befürchteten, mit den damaligen Gummihandschuhen weniger präzise operieren zu können.
Der Blick auf die Gegenwart
Germann schlug zum Schluss den Bogen zur Gegenwart. Die Coronapandemie habe die Aufmerksamkeit stark auf individuelles Verhalten wie das Maskentragen gelenkt. Dabei habe sie auch soziale Ungleichheiten sichtbar gemacht. So seien Menschen in Berufen, die kein Homeoffice ermöglichten, einem anderen Infektionsrisiko ausgesetzt gewesen. Germanns Fazit: Öffentliche Hygienemassnahmen trugen wesentlich zur steigenden Lebenserwartung bei. «Sie setzten sich jedoch nur langsam und uneinheitlich durch.»


