Fünf Stunden am Stück durchs Becken

Niemand schwimmt in Laufen so viel und so lange wie Margot Jermann. 715 Kilometer hat sie im Laufner Schwimmbecken in dieser Saison zurückgelegt.

Heimatgefühl: Seit Kindheit an fühlt sich Margot Jermann in der Badi zu Hause. Hier verbringt sie in den Sommermonaten täglich Stunden im Wasser. Foto: Gaby Walther
Heimatgefühl: Seit Kindheit an fühlt sich Margot Jermann in der Badi zu Hause. Hier verbringt sie in den Sommermonaten täglich Stunden im Wasser. Foto: Gaby Walther

Laufen

Ein sehnsüchtiger Blick wirft Margot Jermann ins 50-Meter-Schwimmbecken, wo bereits das Wasser abgelassen wird — die Badesaison ist vorbei. Unglaubliche 715 Kilometer hat die Laufnerin von Ende Mai bis Ende September im Schwimmbecken zurückgelegt. Damit hat sie zum siebten Mal den Schwimmwettbewerb Laufen gewonnen, ihr Rekord lag im letzten Jahr sogar bei 835 Kilometern.

Jeweils mit Beginn der Badesaison im Mai betritt Margot Jermann täglich um 9 Uhr das Schwimmbad in Laufen und schwimmt drei, vier, fünf Stunden am Stück — im Schnitt 6,4 Kilometer. «Wahrscheinlich sind es mehr Kilometer. Aber ich schreibe nur ganze Kilometer auf und nach dem Kraulen pendle ich immer noch ein paar Hundert Meter in Brust- oder Rückenlage aus. Diese zähle ich nicht dazu.» Die Schwimmerin hat kein elektronisches Messgerät am Handgelenk. Jede Bahn zählt sie im Kopf. Schweift sie gedanklich ab und ist sich bei der Anzahl nicht mehr sicher, nimmt sie die tiefere Zahl. Das Resultat ist ihr nicht wichtig. Das Schwimmen steht im Vordergrund. Es ist Vergnügen, Erholung und Therapie.

Schwimmen als Therapie

Margot Jermann, die «nur» die Oberstufe abgeschlossen und eine Bürolehre bei der Keramik Laufen AG mit anschliessender zweiter Lehre im KV absolviert hatte, legte eine steile berufliche Karriere hin. Sie war unter anderem beim Bankverein, später bei der UBS, CS und Novartis als Direktionsassistentin für Manager tätig. Sie lebte in Basel und Zürich. «Ich war eine Perfektionistin und habe mir mit Learning by Doing viel selbst beigebracht», erzählt die 58-Jährige. Doch dann kam der Zusammenbruch. Mit 40 Jahren zwang ein Burn-out sie zum Stopp. Es folgten Arztbesuche, Therapien und Abklärungen. Seither bezieht sie IV. Margot Jermann redet nicht gerne darüber. Zu viele schlechte Erfahrungen habe sie gemacht, mit Aussagen wie «faul» oder gar «Simulantin» sei sie abgestempelt worden.

Die Laufnerin wohnt nun wieder in der Bleiholle, wo sie schon als Kind aufgewachsen ist. Die Badi bezeichnet sie als ihre Heimat und als Ort, an dem sie sich sehr wohl fühlt. Bereits als Kind war sie hier oft und gerne schwimmen. Nach der Diagnose ihrer Krankheit war sie anfangs täglich von 9 bis 20 Uhr in der Badi. Beim Schwimmen fand sie Erholung. Sie lernte, wieder ruhig zu werden und nachts schlafen zu können. Sie geniesst es, in der Badi Menschen zu treffen und zu plaudern. Zu viele Leute und Hektik verträgt sie jedoch immer noch nicht. Eine Seeüberquerung mit Hunderten von Teilnehmenden wäre ihr zu stressig, Massenansammlungen mag sie nicht. Sie sei schüchtern und würde sich schnell zurücknehmen. Immerhin habe sie aber in den letzten Jahren gelernt, dass auch Frauen laut sein dürfen und ihre Meinung sagen sollen. Heute schlucke sie nicht mehr alles.

Geschwindigkeit und Perfektion spielen keine Rolle

Dem vor vier Jahren verstorbenen Initianten des Schwimmwettbewerbs Laufen, Bruno Saner, war die fleissige Schwimmerin aufgefallen. Er hatte sie zur Teilnahme motiviert. Seit 2008 machte sie beim Schwimmwettbewerb mit. Anfangs schwamm sie abwechselnd eine Länge Brust, eine Länge Rücken. «Irgendwann begann ich, mir das Kraulen beizubringen. Dabei bin ich nicht schnell und nicht perfekt. Aber das spielt für mich keine Rolle», erzählt Margot Jermann. Langweilig wird es ihr beim Schwimmen nie. «Das Wetter ist spannend, zum Beispiel wenn es regnet, dann spüre ich die Tropfen. Sind sie rund, spitz, warm? Ich sehe die Libellen, Schmetterlinge und natürlich auch, wer gerade in das Becken steigt.» Auch kalt werde ihr nie. Ebenso wenig braucht sie Nahrung während ihrer langen Schwimmzeit. Etwas zu trinken genügt ihr. Vor dem Schwimmen cremt sie sich immer mit hohem Sonnenschutzfaktor ein, zieht Badekappe und Schwimmbrille an. Schwimmhilfen wie Pull Buoy oder Flossen braucht sie keine. Endet die Badesaison, endet auch ihre Schwimmsession. Hallenbäder mag sie nicht. Dort ist es ihr zu laut. Auch im See zu schwimmen ist nicht ihr Ding. Sie braucht die klare Sicht im Schwimmbecken, aber «Bädele» in Flüssen, Seen und Meeren kennt sie.

Margot Jermann liebt die Natur und sie mag jede Jahreszeit. Jetzt ist sie wieder wandernd unterwegs, auch das stundenlang, in Gedanken versunken, die Landschaft in sich aufnehmend. «Im Februar beginnt es dann langsam wieder zu kribbeln. Dann freue ich mich erneut auf die Schwimmsaison», meint Margot Jermann zum Ende des Gesprächs.

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