Der Geigenbaumeister von Dittingen

In Dittingen trifft Jonas Lenz auf einen Geigenbauer, der mit 20 Jahren zum ersten Mal ein klassisches Live-Konzert erlebt. Was danach geschieht, ist die Geschichte einer späten Entdeckung, eines schlummernden Potenzials und einer grossen Leidenschaft.

In der Werkstatt des Cellobauers: Die Decke eines alten italienischen Cellos wartet auf die Restauration. Foto: MARK RIKLIN

In der Werkstatt des Cellobauers: Die Decke eines alten italienischen Cellos wartet auf die Restauration. Foto: MARK RIKLIN

Waagschale mit alten Geigenstegen: Jedem Steg geht eine Reparatur und ein neuer Steg des Geigenbauers voraus. Foto: ARTS VIVANTS

Waagschale mit alten Geigenstegen: Jedem Steg geht eine Reparatur und ein neuer Steg des Geigenbauers voraus. Foto: ARTS VIVANTS

Cello-Zwillinge: Links ein Babycello fürs Patenkind, rechts eine im Bau befindliche Kopie. Foto: JÜRG BUCHWALDER

Cello-Zwillinge: Links ein Babycello fürs Patenkind, rechts eine im Bau befindliche Kopie. Foto: JÜRG BUCHWALDER

Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 11

Darauf hat sich Jonas Lenz seit Langem gefreut. Dank eines Hinweises von Regina Weibel weiss er seit Monaten, dass in der Nachbarschaft der Präsidentin der Promotion Laufental ein renommierter Schweizer Geigen- und Cellobauer lebt: Jürg Albert Buchwalder, Jahrgang 1959, international vernetzter Experte für Reparatur, Bau und klangliche Optimierung von Streichinstrumenten.

Putzmann in Philadelphia

Dittingen, Kählenweg 4. Wie wird man eigentlich Geigenbauer, fragt Lenz, als er die Werkstatt betritt. Die Antwort beginnt mit einer Schulgeschichte. Der schönste Tag seines Schülerlebens sei der erste Tag nach der dritten Oberstufe gewesen. Danach sei er ein paar Jahre Vagabund gewesen. Jeden Sommer kommt er in die Schweiz zurück und verbringt drei Monate auf einer Alp. Dort verdient er so viel Geld, dass er den Rest des Jahres davon leben kann.

Mit den Jahren wird das Leben prekär. Buchwalder möchte sich mit etwas verbinden. Mit einer Leidenschaft, einem Lebensinhalt. Ende der 1970er-Jahre landet er in Philadelphia, arbeitet in einem kleinen Theater ausserhalb der Stadt als Putzmann. Eines Abends geht er mit Freunden in ein Konzert des Philadelphia Orchestra. Auf dem Programm steht Haydns «Schöpfung», Dirigent ist Eugene Ormandy. Der 20-jährige Buchwalder traut seinen Augen und Ohren kaum. Zum ersten Mal in seinem Leben hört er ein klassisches Live-Konzert.

Die Geige im Schrank

Das eigentliche Schlüsselerlebnis beginnt erst danach. Im kleinen Theater gibt es eine Geigerin, die ihre Geige in einem Schrank aufbewahrt. Buchwalder geht eines Tages allein in den Raum, schliesst hinter sich die Tür, öffnet den Schrank und nimmt den Geigenkasten heraus. Eine völlig unbekannte Welt liegt vor ihm. «Das will ich unbedingt lernen», sagt Buchwalders innere Stimme.

Für Lenz läuft inzwischen das Kopfkino. Der junge Mann, der ohne klassische Musik aufgewachsen ist, steht allein mit einer Geige in einem kleinen Raum. Er betrachtet ein Instrument, von dem er bis dahin kaum etwas wusste. Und plötzlich ist da etwas, das vorher nicht da war. Oder vielleicht doch. Ein schlummerndes Potenzial, das zwanzig Jahre lang auf diesen einen Moment gewartet hat.

Anlage und Umwelt

Lenz kennt das Gefühl, von Musik überwältigt zu werden, allerdings aus einer ganz anderen Kindheit. Bei ihm lief am Sonntagmorgen Bach. Laut. Sehr laut. Der Vater spielte Geige, die Mutter Cembalo, abends probte im Wohnzimmer das Streichquartett. Musik gehörte so selbstverständlich zum Familienalltag wie das Abendessen. Lenz lernte Klavier, später Gitarre. Und trotzdem wurde aus ihm weder ein Musiker noch ein Instrumentenbauer.

Und nun sitzt er hier einem Mann gegenüber, der genau das Gegenteil erlebt hat. Offensichtlich, denkt Lenz, braucht ein Potenzial beides: Anlage und Umwelt. Aber nicht unbedingt zur gleichen Zeit. Beim einen ist die Umwelt schon da und das Potenzial bleibt stumm. Beim anderen fehlt die Umwelt und das Potenzial wartet geduldig auf den Moment, bis beides aufeinandertrifft.

Scuola di Liuteria di Parma

Eine Geige leisten kann sich Buchwalder nicht. Also beschliesst er, eine zu bauen. In Philadelphia geht er zu einem bekannten Geigenbauer und fragt, wie man eine Geige baue. Der lacht. Das könne man nicht einfach. Das sei ein Beruf. Den müsse man lernen. Dafür gebe es eigene Schulen, die besten seien in Europa.

Und so beginnt Buchwalder 1980 an der renommierten Scuola di Liuteria di Parma bei Maestro Renato Scrollavezza seine Ausbildung zum Geigenbauer. Fünf Jahre lang lernt er in einer kleinen Geigenbauerschule innerhalb des Konservatoriums, in dieser Form weltweit einzigartig.

Und Parma liefert ihm gleich zwei Dinge, die ihm bisher gefehlt haben: Zugang zur Musik und den direkten Kontakt zu Musikern. Zudem lernt er seine spätere Frau kennen, Simona Pecorari, die Oboe und später Gesang studiert. Buchwalder geht in jede Konzert- und Opernaufführung, sitzt für 1000 Lire auf Holzstühlen und holt nach, was er eine Kindheit lang nicht gekannt hat.

Vom Instrument zum Klang

Mit 26 Jahren schliesst Buchwalder seine Ausbildung ab. Nach Wanderjahren in Werkstätten in Deutschland und der Schweiz eröffnet er 1989 in Basel sein eigenes Atelier.

Bald wird aus dem Geigenbauer ein Klangforscher. Eine intensive Zusammenarbeit mit Cellisten beginnt: mit Daniel Robert Graf, bis 2015 Solocellist an der Frankfurter Oper, später mit Guillermo Pastrana und Thomas Demenga, beide Dozenten an der Musikhochschule Basel. Alle interessieren sich für dieselbe Frage: Was passiert eigentlich mit dem Klang? Und wie lässt er sich verbessern?

Sie tüfteln, probieren, hören, verändern. Nächtelang. Immer noch einmal. Noch etwas präziser. Die klangliche Optimierung wird zum Schwerpunkt von Buchwalders Wirken, das präzise Einrichten von Instrumenten zu seinem Aushängeschild.

Die Seele des Instruments

Besonders die Celli haben es Buchwalder angetan. Buchwalder verweist auf ein altes, französisches Cello aus Paris, das vor ihnen steht. 1850. Ahorn. Der Stimmstock muss verschoben werden, um den Klang zu optimieren. Anima, die Seele des Instruments. Nur wenn sie an der richtigen Stelle platziert sei, könne sie für den notwendigen Spannungsausgleich sorgen.

Der Besuch neigt sich dem Ende entgegen. Nochmals saugt Lenz die Sinnlichkeit der Werkstatt in sich auf. Werkzeuge, Hölzer, Instrumente. Das nächste Mal will er den Geigen- und Cellobauer in seinem Atelier in Basel besuchen. Noch ist lange nicht alles erzählt.

Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch.

«Meine grosse Leidenschaft ist das Einrichten von Geigen und Celli.»

Detektei Laufental

Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Die Serie, die nach der guten Resonanz noch etwas weitergeführt wird, gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.

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