Ein selten mystisches Hörerlebnis
So viele Gäste hat dieKatharinenkirche an einem Konzert wohl noch selten gesehen. «Kammerkon-zerte Laufen» präsentierte Männerstimmen Basel, und war dem Ansturm kaum gewachsen.
Bereits um halb fünf mussten die Besuchenden Schlange stehen. Um 17 Uhr, bei Beginn des Konzertes, wurde die Tür geschlossen, obschon noch Leute auf Eintritt warteten.
Gegen 400 Chorbegeisterte mussten es sein, die schliesslich den Raum füllten, viele davon stehend, einige im Chor. Die 34 Männer, die meisten unter 30-jährig, liessen ihre Stimmen zu Beginn auf der Empore erklingen, für die meisten Zuschauer nur hör-, aber nicht sichtbar. Das Kirchenschiff dunkel, drangen die feinen Stimmen der in mittelalterlichen Mönchskutten gekleideten Sänger bis in die feinsten Ritzen. «pílagrímr», altnordisch für «Pilger», so die Überschrift dieses Konzerts, versprach Ungewohntes, Mystisches, Vergangenes und vor allem Wohlklingendes.
Die Männerstimmen Basel, gegründet 2008 von Dirigent Oliver Rudin mit ehemaligen Sängern der Knabenkantorei Basel, singen normalerweise a cappella. Für dieses Projekt, das tags zuvor im Basler Münster aufgeführt worden war, wirkten auch eine Organistin, Alexandra Nigito, und Martin Huber, ein Perkussionist, mit.
Nach drei Werken von Rudolf Mauersberger, Tomas Luis de Victoria und Peter Cornelius, mit zwei Bibeltexten und einem Lukas-Evangelium, begaben sich die Pilger auf die Reise, stiegen mit Laternen herunter und verteilten sich im Kirchenraum. Mittendrin der Dirigent, der das Programm wie an einem Faden dirigierte, und das musikalische und optische Ereignis ohne Unterbruch am Leben hielt. Auffallend dabei das Phänomen, dass trotz des grossen Publikums kein Schnupfen, kein Husten, kein noch so kleines Geräusch die zum Teil hauchzarten Töne der singenden Mönche störte.
Im nächsten Teil besangen die Männerstimmen Gott als Beschützer, als Erschaffer des Heils und als Erlöser der Welt. Die Sänger liessen die Kapuzen runter, die Laternen stehen und stiegen nahtlos in einen weiteren Abschnitt. Noch immer erklangen Tenor-, Bariton- und Bassstimmen aus ganz verschiedenen Richtungen, was das spannende, aber ungewohnte Hörerlebnis weiter- führte. Erst allmählich, im Laufe des Programmes, mutierte diese mystische Veranstaltung zum gewohnten Konzertstil, indem die Akteure sich ihrer Kutte entledigten und in ihrer 50er-Jahre-Kleidung – Markenzeichen der Männerstimmen – sich allmählich zur Konzertaufstellung im Chor der Katharinenkirche formierten. Erst hier wurden die drei Dutzend Männer von Scheinwerfern beleuchtet und das Publikum konnte die Männerstimmen nun auch optisch «arbeiten» sehen. Hier nur von «singen» zu schreiben, wäre untertrieben, denn dieser Männerchor verblüffte zusätzlich mit rhythmischem Atmen und zahlreichen anderen Geräuschen, die die Lieder nebst Orgelmusik und Paukenschlägen bereicherten. Noch immer aber ging es um die Wanderung von Pilgern, welche anfänglich pure Demut übten und Gott in den höchsten Tönen priesen. «Gloria in excelsis Deo» zum Beispiel. Erst gegen Ende der andert-halbstündigen Aufführung wurden die Pilger kecker und sangen von ihrer Unabhängigkeit: «Wir scheren uns um keinen Pfaffen, wir haben unseren eigenen Segen.» Letzteren bekamen die Männerstimmen zum Schluss in Form von stehenden Ovationen, die kaum enden wollten. Was die extra nach Laufen gepilgerten Basler mit zwei Zugaben quittierten.






