Ein selbstbestimmtes Leben

Ursula Pecinska wagt sich an die Weltliteratur und spinnt Geschichten bekannter Frauenfiguren weiter. In ihrem Roman «Leonora — Eine Überfahrt» begibt sich Ibsens Nora nach England.

Die Autorin: Ursula Pecinska lebt mit Hund und Katze in Blauen. Foto: Gaby Walther
Die Autorin: Ursula Pecinska lebt mit Hund und Katze in Blauen. Foto: Gaby Walther

Es gibt Bücher, die enden und lassen trotzdem einige Fragen offen. Gerne ­hätte man eine Antwort und möchte ­wissen, wie die Geschichte weitergeht. Hier setzt Ursula Pecinska an. Bereits in ihrem Début «Hallgatás» griff sie den ­Roman «Die Glut» von Sándor Márai auf und erzählte, was im verbrannten Tagebuch der Krisz­tina gestanden haben könnte. Auch in ihrem zweiten Roman, der im letzten Frühling erschienen ist, taucht die Autorin in den literarischen Kanon ein und spinnt die Geschichte der Nora aus Heinrichs Ibsens Werk weiter.

Bei Ibsen verlässt Nora ihren Mann, den Advokaten Torvald Helmer, und ihre drei Kinder. Denn nachdem ihr Mann sie als Betrügerin betitelt und nicht ihr ­soziales, aus Liebe zu ihm erfolgtes ­Handeln anerkannt hat, merkt sie, dass sie für ihn nur ein Spielzeug ist. Sie verlässt das Puppenheim und versucht, als eigenständiger Mensch sich zu behaupten. Ursula Pecinska zeichnet die Fortsetzung der Nora in ihrem Roman «Leonora — Eine Überfahrt» auf. In 21 Briefen beschreibt Leonora ihrer Freundin Christine in Norwegen, was sich in den letzten 20 Jahren seit ihrem Wegzug ereignet hat. Auch wenn sich die Erzählung gut ohne Vorkenntnisse lesen lässt, lohnt es sich, Ibsens Werk hervorzuholen, um die Zusammenhänge besser zu verstehen.

27-mal umggezogen

«Einerseits bin ich Feministin und finde es wichtig, die Frauen zu Wort ­kommen zu lassen. Anderseits interessieren mich die Zeitspanne, die Sprache und die Literatur von 1870 bis 1914», begründet Ursula Pecinska die Wahl ihre Erzählungen. So lässt sie einige ­geschichtliche Ereignisse jener Zeit in ihren Roman einfliessen. Leonora lebt in Manchester und arbeitet in einer Bibliothek. Marx und Engels, die Industrialisierung, die Suffragetten und die ­Friedensbewegungen sind einige der Themen, die angeschnitten werden. Gleichzeitig flechtet Ursula Pecinska ihre eigene Lebenserfahrung ein. Die Autorin kann auf ein abwechslungsreiches Leben zurückblicken. Aufgewachsen in Winterthur mit einer Ausbildung an der ­Handelsschule, zog es sie in jungen Jahren nach England, wo sie unter anderem in einer Bibliothek bei einem Mr. Flanegan arbeitete. Ihm setzt sie als Romanfigur in «Leonora» ein Denkmal. Später zog es sie weiter nach Kanada und Polen, wo sie ihren damaligen Ehemann kennenlernte, mit dem sie eine Tochter grosszog. 27-mal ist sie insgesamt umgezogen. Nun lebt sie bereits seit 23 Jahren in einem kleinen Häuschen in Blauen mit traumhafter Aussicht. Auch beruflich probierte sie einiges aus. Sie führte unter anderem ein Café und später eine Galerie für Kunst, Literatur und Kunstbücher in Basel und war immer wieder als Schreibende tätig.

Nun ist sie am Fertigstellen des dritten Buches ihrer Trilogie. Wiederum wagt sie sich an die Weltliteratur und entwickelt die Geschichte einer Frau um die Wende des 19. Jahrhunderts weiter. In «Der Kirschgarten» von Anton Tschechow zieht die Gouvernante Charlotta nach St. Petersburg. Ursula Pecinska ­beschreibt das Leben der Charlotta «in dieser grossartigen Stadt».

Keine Kopie

Ist es nicht gewagt, sich an eine Fort­setzung der grossen Meister zu wagen? Die Autorin verneint. Sie habe nicht den Anspruch, diese zu kopieren. «Ich bin ­jemand anderes und lebe hundert Jahre später. Es nervt mich, dass diese Frauengeschichten in den Romanen aufhören. Darum gebe ich den Figuren ein weiteres Leben und setze sie in den Mittelpunkt», erklärt Ursula Pecinska. Sie versuche aber, die Sprache aufzunehmen, indem sie die Ausgangsromane intensiv lese. Wichtig ist ihr der geschichtliche Hintergrund. Aus diesem Grund zog sie für ­ihren dritten Roman den in Kleinlützel lebenden russischen Autor Michail Schischkin hinzu. Er überprüft die Aussagen zur Russischen Revolution. Der neue Roman solle Ende Jahr oder 2024 erscheinen.

«Leonora – Eine Überfahrt», ISBN: 9783907310052, 117 Seiten, Verlag: édition sacré

Weitere Artikel zu «Laufental», die sie interessieren könnten

Haben den alten Banner nochmals hervorgeholt: (v. l.) Peter Hueber, Präsident Wasserverbund Birstal (WVB), Gaby Bosshard von der Holinger AG, und Fridolin Scherrer, Burgerpräsident, vor der Quellfassung der Fandelquelle in Zwingen. Als letzte Schut
Laufental19.08.2026

Die Rettung der Quellen hat sich gelohnt

Welche Ironie und wohl auch Genugtuung für die Initianten: Im heissesten und trockensten je gemessenen Sommer jährt sich der Kampf zur Rettung der Quellen zum…
Dorfkern aufwerten: Die IG Dorfplatz-Studerhaus zeigt ihre Vision, wie der Dorfplatz aussehen könne. Ein Projekt ist aber noch nicht vorhanden. Skizze: zVg
Laufental19.08.2026

Dorfplatz wird zum Rechtsstreit

Brislachs Hickhack um das Studerhaus beschäftigt nun auch den Kanton. Die IG Dorfplatz-Studer-haus hat gegen das gemeinderätliche Vorgehen Beschwerde…
Kulturpreis: Urs Hofer übergibt der heutigen Klasse 3 AB die Auszeichnung. Foto: Thomas Brunnschweiler
Laufental19.08.2026

Preisübergabe bei Vernissage

Am Sonntag wurde auf dem Helye-Platz der Verein «Kitsch!» von der Laufentaler Kulturstiftung für seine Sonderausstellung im Laufentaler Museum ausgezeichnet.…