Der Glöckner von Zwingen

Ein Glöckner, der per Fernbedienung läutet? Im Wasserschloss Zwingen trifft Jonas Lenz auf Patrick Bonneau und entdeckt hinter moderner Technik ein altes Handwerk: das Gespür dafür, welcher Glockenklang zu welchem Moment passt.

Wartungsarbeiten auf dem Glockenturm: Patrick Bonneau, der Glöckner von Zwingen, auf einem Kontrollgang.  Foto: Mark Riklin

Wartungsarbeiten auf dem Glockenturm: Patrick Bonneau, der Glöckner von Zwingen, auf einem Kontrollgang. Foto: Mark Riklin

Das Werkzeug des Glöckners: eine Fernbedienung mit Antenne und Kippschalter. Foto: Patrick Bonneau

Das Werkzeug des Glöckners: eine Fernbedienung mit Antenne und Kippschalter. Foto: Patrick Bonneau

Vor dem Tor zur Schlosskapelle: Patrick Bonneau im Gespräch mit Jonas Lenz, dem Spurenleser der Detektei Laufental. Foto: Patrick Neuenschwander

Vor dem Tor zur Schlosskapelle: Patrick Bonneau im Gespräch mit Jonas Lenz, dem Spurenleser der Detektei Laufental. Foto: Patrick Neuenschwander

Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 9

Zwingen, Schlosskapelle St. Hedwig, auf dem Dachstuhl. Im Dunkeln steigt Patrick Bonneau die Leiter hoch, tastet sich zur Dachluke vor und hebt den Deckel. Der Blick auf ein Stück Himmel und die beiden Glocken der Kapelle wird frei. Ein seltener Augenblick, den Bonneau in sich aufsaugt. Alles ist in bester Ordnung, Bonneau kann den Rückweg antreten.

Ein Glöckner ohne Seil

Unten angekommen, wartet vor der Schlosskapelle Jonas Lenz. Seit Monaten freut er sich darauf, den Glöckner von Zwingen kennenzulernen. Allein das Wort löst inneres Kopfkino aus, riecht nach Mittelalter, Steinmauern und Ritual. Doch Bonneau trägt keinen Kapuzenmantel, kein Glockenseil über der Schulter, kein mittelalterliches Gewand. Nicht einmal einen Buckel hat er.

Bonneau stellt sich vor. Sein Name stamme vom französischen Vater. Bonne eau — gutes Wasser. Ein Name, der zu Zwingen passt. Seine Eltern waren beide in der Papiri Zwingen tätig. Der Vater hat Celluloseproben genommen und diese ins Labor zu seiner späteren Mutter gebracht. Eine glückliche Fügung.

Patrick Bonneau ist Kaufmann, verheiratet, Vater von drei Kindern, und arbeitet bei der Aluminium Laufen AG Liesberg. Nebenbei betreibt er einen «Tische & Stühle»-Verleih. Eine Information, die Lenz innerlich schmunzeln lässt. Auch er selbst führt einen halboffiziellen Möbelverleih: 8 kleine Klapptische, 36 Klappstühle, 15 rot-weiss gestreifte Liegestühle. Gegen Bonneaus Inventar wirkt Lenz’ Mobiliar fast wie ein Start-up.

Ad-hoc-Beförderung

«Und wie läutet man die Glocke?», will Lenz wissen. Bonneau verweist auf ein gelbes Gerät, das er mit sich führt. Lenz staunt ein zweites Mal. Das also ist das Werkzeug des Glöckners. Kein Seil, kein Holzgriff, kein bronzener Hebel. Stattdessen eine Fernbedienung mit Antenne und Kippschalter. Gelber Kunststoff, schwarze Knöpfe, Aufschrift: Joh. Muff AG, Kirchenglocken-Läutmaschinen. Lenz braucht drei Sekunden, um die erste Enttäuschung professionell zu verarbeiten.

Vor sieben Jahren, erzählt Bonneau, habe er das Amt von Vorgängerin Lisa Grundwürmer übernommen. Es ehre ihn bis heute, ad hoc zum Glöckner befördert worden zu sein. Seither bediene er die Glocken bequem von zu Hause aus, mit Blick auf den Turm der Schlosskapelle, rund hundert Meter Luftlinie entfernt. Bei Abdankungen läute er die kleine, helle Glocke. Bei Hochzeiten komme die grössere dazu, tiefer im Klang, voller im Raum, festlicher in der Wirkung. Immer, wenn er eine Hochzeit einläute, denke er an seine eigene Trauung in der Schlosskapelle, als er die Glocken als Bräutigam zum ersten Mal bewusst gehört habe.

Was Lenz beeindruckt: Nicht die Technik steht im Vordergrund, sondern die Sorgfalt. Glöckner sein bedeutet nicht bloss, einen Knopf zu drücken. Es bedeutet, zu wissen, wann welcher Klang angebracht ist. Welche Glocke zu welchem Anlass passt. Welche Tonlage Trost spendet, welche Feierlichkeit ausdrückt. Auch das ist Handwerk. Nicht mechanisch. Sondern kulturell.

Eine Frage der Würde

Lenz denkt an die vielen Berufe im Laufental, in denen Hände, Erfahrung und Gespür eine Rolle spielen: Geigenbauer, Steinbildhauerin, Bootsbauer, Messerschmied, Taschenmacherin. Vielleicht gehört auch der Glöckner in diese Reihe, selbst wenn das Werkzeug heute anders aussieht. Bonneau dreht das Gerät Richtung Lenz. «Kanal 1 funktioniert übrigens nicht mehr. Die grosse Glocke wurde auf Kanal 3 umverdrahtet.»

Die Bedienungsanleitung ist von entwaffnender Präzision: Drehschalter auf «Ein» stellen. Glocken im Abstand von zehn Sekunden starten, zuerst die kleinere. Ausschalten in umgekehrter Reihenfolge. Lenz hört zu und spürt einen inneren Konflikt. Ein Teil in ihm bewundert die Effizienz. Der andere trauert einer Vorstellung nach, die es vielleicht nie gegeben hat: ein Glöckner im würdigen Gewand, beide Hände am Seil, den Körper im Rhythmus der Glocke, ein Mensch als physische Schnittstelle zwischen Zeit und Klang.

Er muss an den Glöckner von Rorschach denken. 2010, beim Projekt «Stadt als Bühne», hatte Lenz dort angeregt, eine automatisierte Glocke wieder zu deelektrifizieren. Seither wird sie zweimal täglich analog geläutet. Von Hand. Mit Hut und schwarzem Umhang. Vielleicht, denkt Lenz, ist Fortschritt manchmal auch ein Verlust an Würde.

Die Rückkehr des Seils

Am nächsten Tag fragt Bonneau bei der Herstellerfirma nach, ob die Glocken der Schlosskapelle wieder von Hand läutbar wären. Die Antwort kommt prompt: leider nein. Man könne die Glocken zwar von Hand anstossen, aber es gebe keinen Seilzug mehr, der das Holzjoch antreibe.

Lenz lehnt sich zurück. Und natürlich beginnt seine Fantasie sofort mit Gegenentwürfen. Er sieht Patrick Bonneau bereits im mittelalterlichen Gewand über die Schlossbrücke schreiten. Die Fernbedienung ist abgeschafft. Stattdessen ein Seil, grob geflochten, handwarm vom Gebrauch. Zweimal täglich versammelt sich ein kleines Publikum. Nicht wegen des Glockenschlags allein, sondern wegen des Rituals.

Denn genau das fehlt der Gegenwart oft: Rituale, die Zeit sichtbar machen. Menschen sehnen sich nicht primär nach Entschleunigung, sondern nach spürbaren Übergängen. Morgen. Mittag. Abend. Ein Glockenschlag sagt: Etwas endet, etwas anderes beginnt.

Lenz schaut nochmals auf die Fernbedienung. Er muss lachen. Die Wirklichkeit ist wieder einmal besser als jede Inszenierung. Ein Glöckner, der per Funk läutet. Ein Schlossverein, der Geschichte lebendig hält. Und eine Sehnsucht nach Analogem, die am Wachsen ist.

Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch.

«Es ist mir eine Ehre, das Amt des Glöckners ausüben zu dürfen.»

Detektei Laufental

Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Die Serie, die nach der guten Resonanz der acht Episoden noch etwas weitergeführt wird, gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.

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