Die Silberlöcher von Röschenz
Ein neuer Hinweis führt Jonas Lenz mitten im Hochsommer in einen kühlen, moosbewachsenen Wald und ein geheimnisvolles Labyrinth im Untergrund. Dort, wo Menschen jahrhundertelang nach Silber suchten, findet Lenz schlummerndes Potenzial.
Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 6
Treffpunkt Eichweg 19, 18 Uhr. Wer sich mit einem Stadtpräsidenten verabredet, erwartet ein Gemeindehaus, einen Sitzungssaal oder zumindest einen Tisch mit Traktandenliste. Pascal Bolliger hat anderes im Sinn. Er führt Lenz in den Wald, der eher an ein Märchen als an eine politische Gemeinde erinnert. Ohne Traktandenliste, dafür mit Wanderschuhen.
Mystischer Zauberwald
Hochsommerhitze liegt über dem Tal. Doch je weiter die beiden in Richtung Schachletetal vordringen, desto angenehmer wird die Temperatur. Feuchtigkeit liegt in der Luft, Moos überzieht Bäume, Steine und Felsnischen, das Licht wird gedämpft. «Ein Zauberwald», notiert Lenz. Bolliger nickt. «Der Wald ist unsere Tankstelle: kühl, grün und direkt vor der Haustür.» Ein bemerkenswertes Potenzial mitten im Hochsommer: ein natürlicher Zufluchtsort vor der Hitze, nur wenige Minuten vom Siedlungsgebiet entfernt.
Bolliger gehört zu den Menschen, die sich für ihre Umgebung begeistern können, ohne dabei in Pathos zu verfallen. Seine Augen beginnen zu leuchten, sobald er von Natur, Menschen oder Geschichten spricht. Er erzählt von seinem Werdegang: seinem ersten Beruf als Bäcker-Konditor, von der Mehlallergie, die ihn zu einem Neustart zwang, von der nachgeholten Berufsmaturität, seinem Weg zum Makler und schliesslich ins Nebenamt als Stadtrat und später als Stadtpräsident.
Geschichten und Gerüchte
An einer Weggabelung biegen die beiden rechts ab. Rifenacker. Wenig später links in Richtung Unzengraben. Von den Silberlöchern habe er erst vor fünf oder sechs Jahren erfahren, sagt Bolliger. Eine Silbermine mitten im Wald von Röschenz? Die Silberlöcher gelten unter Geologen als Objekt von nationaler Bedeutung. Seit Jahrhunderten ranken sich Geschichten und Gerüchte um diesen Ort. Generationen von Schatzsuchern, Pfarrern, Bierbrauern, Glücksrittern und Hobby-Alchemisten haben hier auf Silber gehofft.
Und dann stehen sie plötzlich davor. Zwischen den Bäumen öffnen sich mehrere dunkle Eingänge im Kalkstein. Der Erbstollen. Der Friedrichsschacht. Ein rund ausgehauener Schacht. Eine Eisenleiter verschwindet in der Tiefe. Für einen kurzen Moment sagen beide nichts. Dann steigt Lenz hinunter. Bolliger folgt ihm. Unten angekommen, stehen die beiden Männer nebeneinander wie zwei Buben, die soeben einen Geheimgang entdeckt haben. Mit ihren Handys leuchten sie in die Dunkelheit. Der Lichtkegel tastet über ein Kanalsystem, Nischen und Stollen.
Vermeintliche Silbermine
Das Höhlensystem erstreckt sich über rund 370 Meter. Entstanden ist es vor etwa zwei Millionen Jahren durch Verkarstung, als das Entwässerungssystem des Juras noch weit über dem heutigen Niveau der Birs lag. Über Jahrhunderte wurde es von Menschen erweitert, die davon überzeugt waren, hier müsse sich irgendwo eine Silberader verbergen. Immer wieder wurde gegraben. Immer wieder gehofft. Immer wieder nichts gefunden. 1756 versprach ein Schatzgräber dem Fürstbischof, man werde auf «Massiv und Stangen Silber» stossen. 1784 investierte ein Bierbrauer aus Hüningen Zeit und Geld. Sogar ein Pfarrer aus Blauen stellte später ein Gesuch für den weiteren Abbau.
Wahrscheinlich war es Pyrit, das sogenannte Katzengold, das die Menschen in die Irre führte. Zusammen mit eisenhaltigen Gesteinen erzeugte es über Generationen die Vorstellung, irgendwo hinter der nächsten Wand müsse der grosse Fund warten. Der grosse Fund kam aber nie. Oder vielleicht doch. 1985 wurde in den Silberlöchern schliesslich ein Schatz gefunden. Kein Silber, kein Gold. Sondern ein Saurierzahn. Besser als nichts, denkt Lenz. Vielleicht sogar besser als Silber. Ein Saurierzahn erzählt schliesslich eine Geschichte, die älter ist als jede Schatzsuche.
Originale und andere Schatzsucher
Auf dem Rückweg sprechen Bolliger und Lenz über Menschen, die ähnlich hartnäckig an ihre Ideen glaubten. Über Otto Jegerlehner, den Musikhausbesitzer von Laufen. Über Bruno Wildhaber, den Steinbildhauer mit den übergrossen Pranken, den Bolliger noch aus seiner Zeit im Rosengarten kennt. Dreimal pro Woche beim Mittagessen. Meistens bereits begleitet von einem halben Roten. «Ein unmöglicher Cholderi», sagt Bolliger und lacht. «Also ein Original», präzisiert Lenz.
Lenz ergänzt die Figurenakten in seiner inneren Kartei. Langsam entsteht ein Muster. Je länger er im Laufental unterwegs ist, desto häufiger begegnet er Menschen, die gegen Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Die an Ideen festhalten. Die etwas sehen, was andere nicht sehen. Vielleicht waren die Schatzsucher der Silberlöcher gar nicht so anders. Sie fanden kein Silber. Aber sie hinterliessen eine Geschichte, die Jahrhunderte später noch immer Menschen in den Wald lockt.
Ein Koffer bleibt ein Koffer
Zurück am Eichweg erzählt Bolliger von seiner Familie. Vier Frauen im Haushalt. Und von seiner Frau Stefanie, Kunsthistorikerin, die sich seit Wochen über den geheimnisvollen Koffer im Schaufenster der Detektei wundert, der neuerdings von einem Raben bewacht wird. «Sie möchte unbedingt wissen, was drin ist.» Lenz lächelt. Man müsse nicht alles erklären, findet er. Manche Dinge würden interessanter, wenn man sie nicht öffne. Das gelte für Koffer und vielleicht auch für Höhlen.
Ein nächstes Mal will Lenz mit Gummistiefeln, Helm und Stirnlampe zurückkehren. Am liebsten mit Sütterlin und seinem Metalldetektor. Denn manche Fälle beginnen erst dort, wo andere aufhören zu graben.
Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch.
«Der Wald ist unsere Tankstelle: kühl, grün und direkt vor der Haustür.»
Detektei Laufental
Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Eine mehrteilige Serie gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.








