Die Ränder von Roggenburg

Nach Monaten auf drei Rädern wechselt Jonas Lenz aufs E-Bike. Ziel: Roggenburg, der westlichste Zipfel des Laufentals. Eine Exklave, die aussieht, als hätte sie jemand beim Zeichnen des Kantonsplans versehentlich vergessen.

An der Kantonsgrenze zwischen Baselland und Solothurn: Auf Challmatten rettet Jonas Lenz seine Grenzerfahrungen im roten Journal. Fotos: ROMANA VON TANA

An der Kantonsgrenze zwischen Baselland und Solothurn: Auf Challmatten rettet Jonas Lenz seine Grenzerfahrungen im roten Journal. Fotos: ROMANA VON TANA

Ein Wirtshausmuseum zum Anfassen: Ernst Gerber, Wirt im Roggenburger Restaurant Rössli, erzählt aus seinem bewegten Leben.

Ein Wirtshausmuseum zum Anfassen: Ernst Gerber, Wirt im Roggenburger Restaurant Rössli, erzählt aus seinem bewegten Leben.

Vom Dreirad aufs Zweirad: Zwischenhalt bei einer Badestelle mit Geheimtippstatus.

Vom Dreirad aufs Zweirad: Zwischenhalt bei einer Badestelle mit Geheimtippstatus.

Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 7

Vom Dreirad aufs Zweirad. Die Ape tauscht für einmal ihren Dienst gegen ein E-Bike ein. Begleitet wird Lenz von seiner Frau Romana von Tana. Eine bewährte Arbeitsteilung: Während Jonas unterwegs kulturelle Nebenschauplätze rettet, verborgene Geschichten ausgräbt und an jedem dritten Baum ein Potenzial vermutet, sorgt seine Frau für Orientierung, Proviant und Zeitmanagement. Pfadi trifft Soziologie.

Raum, Zeit, Stille

Die Route führt der Lützel entlang nach Kleinlützel, einst das einzige Pfeifendorf der Schweiz. In einer ehemaligen Pfeifen- und Stockfabrik treffen sie auf das Künstlerpaar Jörg Niederberger und Eva Allemann. Atelier, Bildungshaus, Chambres d’Hôtes, Veranda. Im Dachgeschoss: Kellion, ein Raum zum Meditieren. Drei Zutaten scheinen hier sorgfältig konserviert zu werden: Raum, Zeit, Stille.

Weiter geht es Richtung Roggenburg zu einer Badestelle mit Geheimtippstatus. Frisch gemähte Wiese, kalter Fluss, ein improvisiertes Sprungbrett aus einem Baumstrunk. Jonas misst 1,80 Meter Wassertiefe. Beachtlich. Danach Picknick auf einem weissen Tischtuch. Schon fast absurd schön.

Dann Grenzübertritt. Baselland. Roggenburg ist verkehrstechnisch ein Sonderling, geografisch fast vollständig von Jura, Solothurn und Frankreich umschlossen und nur über einen Punkt mit dem übrigen Baselbiet verbunden.

Jukebox Jahrgang 1963

Im Restaurant Rössli wartet Ernst Gerber, 88 Jahre alt. «Eigentlich ist ja alles schon geschrieben», meint Gerber und verweist auf Linard Candreias Buch Laufental von 2015. Darin wird das Rössli als «Wirtshausmuseum» bezeichnet. Lenz schaut sich um: Kachelofen, am Boden fixierte Tische mit barocken Füssen, Jukebox Jahrgang 1963, Zeitungen auf Deutsch und Französisch liegen aus: Le Quotidien Jurassien, Berner Zeitung, Wochenblatt. Nur die Basler Zeitung fehlt.

Ernst Gerber wurde am 1. Januar 1938 geboren. «Ich verdanke mein Alter der guten Luft von Roggenburg», sagt er und zwinkert. Früher Automechaniker, führte er lange die Dorfgarage. Nach dem Tod seiner Frau Hanni übernahm er das Rössli. Seine Familie wirtet hier seit 1880. Die grossen Feste sind vorbei. Heute kommen der Pöstler am Morgen, drei Pensionierte zum Apéro und vier Stammgäste am Nachmittag.

Museum zum Anfassen

Lenz folgt Gerber in den alten Festsaal. Horgenglarus-Stühle stehen seit Jahren aufgestuhlt. Die letzte Hochzeit fand hier 2010 statt. Ernst Gerber seufzt. Dann geht es zur voll automatisierten Kegelbahn. Türkis gestrichen, Kugeln aus schwerem Holz. Gerber richtet die Holzkegel, als folge er einer vertrauten Choreografie. Auf dem Rückweg werfen sie einen Blick in die Küche: grüne Arbeitsplatte, Brotschneidemaschine, Teller, Zettel, Zeitungsartikel. Büro und Küche zugleich. Ein Stillleben aus Alltag und Einsamkeit.

Zurück in der Gaststube drückt Gerber auf die Tasten der Jukebox. «Je sens tu es» von den Shorts erklingt. Ein Gegenmodell zu Spotify. Linard Candreia hatte recht. Das Rössli ist ein Wirtshausmuseum. Ein Museum zum Anfassen. Keine Schilder mit «Berühren verboten». Wer hierher kommt, darf alles ausprobieren.

Wo die Schweiz aufhört

Am Abend führt die Route weiter zum Moulin Neuf. Neumühle. Sprachgrenze. Landesgrenze. Kantonsgrenze. Mehr Grenze pro Quadratmeter wird schwierig. Zwei Brücken verbinden hier, was politisch getrennt ist: Jura und Baselland sowie Frankreich und die Schweiz.

Wenig später überqueren sie eine kleine, unbewachte Brücke. Plötzlich Frankreich. Theoretisch. Praktisch fliesst weiterhin dieselbe Lucelle. Ein paar Meter Wasserlauf sollen eine geopolitische Trennlinie darstellen. «Grenzen», sagt Lenz, «sind oft administrative Fantasie mit amtlicher Beglaubigung.» Seine Frau nickt.

Die Besenbeiz Remel ist voll. Wanderer, Biker, Stammgäste. Nadine Scherz steht am Grill wie eine Feldherrin der Gastfreundschaft. Schweinekotelett, Bratwurst, rot-weiss dekorierte Verlässlichkeit. Ihr Hinweis führt weiter zu den Challmatten. Abendsonne, Jurablick, Feuerstelle, Panorama. Das Zelt steht direkt auf der Grenze zwischen Baselland und Solothurn. Technisch betrachtet verläuft die Grenzlinie genau durchs Innenzelt. Romana von Tana schläft in Baselland, Jonas Lenz driftet im Verlauf der Nacht Richtung Solothurn ab.

Ein Tal, keine Schachtel

Am nächsten Morgen breiten sie die Erlebniskarte aus. Gemeindegrenzen, Kantonsgrenzen, Sprachgrenzen, Landesgrenzen: reichlich überschritten, teilweise bemerkt, teilweise nicht einmal wahrgenommen. Das Laufental dagegen bleibt erstaunlich unscharf. Auf der Karte spielt die Grenze kaum eine Rolle. Im Zentrum steht eine Region, eine Landschaft, ein Netzwerk aus Geschichten.

Jonas Lenz versucht, die exakten Grenzen des Laufentals nachzuzeichnen. Schwieriges Unterfangen. Ein Radfahrer schert sich wenig um administrative Linien. Vielleicht sollte eine Detektei das ebenfalls nur begrenzt tun. Das Tal beginnt nicht dort, wo Förderbeiträge bezahlt werden. Und endet auch nicht dort, wo sie gestrichen werden. Eine Geschichte aus dem solothurnischen Kleinlützel. Eine Begegnung in Roggenburg. Eine Idee aus dem Elsass. Weshalb sollten sie weniger zählen als eine Spur aus Zwingen oder Dittingen?

Lenz beschliesst: Die Detektei versteht das Laufental künftig grosszügiger. Nicht als Schachtel, sondern als Erlebnisraum. Alles andere wäre zu kleinkariert. Im roten Journal notiert er: «Das Laufental lässt sich geografisch vermessen, aber nicht auf seine politischen Grenzen reduzieren.»

Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch

«Ich verdanke mein Alter der guten Luft von Roggenburg.»

Detektei Laufental

Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Eine mehrteilige Serie gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.

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